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Dienstag, 16. Oktober 2012
Xzibit - Napalm (Review)
Sicherlich, die großen Tage des Mr. X-To-The-Z sind vorbei, keiner erwartet mehr einen Überhit, geschweige denn ein Überalbum. Dennoch umgibt ein neues Xzibit-Album stets etwas Besonderes, das geradezu dazu zwingt, rein zu hören. Sein neuestes Werk, „Napalm“, bildet da keine Ausnahme und startet zumindest unerwartet gut mit einem böse stampfenden Instrumental, auf dem die markante Stimme des designierten Auto-Aufpimpers in gewohnter Manier marschiert und sich ihren Weg bahnt. Ebenfalls sehr positiv das persönlich gehaltene „1983“ inklusive Mama-Feature, sowie der halbwegs ambitionierte Versuch, mit „Meaning Of Life“ in die ernstere Ecke zu zielen.
Am Besten gefällt X dennoch noch immer auf klassischen Brettern, wenn Medizinmann Dre den Beat schraubt und King T mitsamt den Alkaholiks auf ein paar Verse vorbei schauen und das offensichtliche Highlight des Albums, „Louis XIII“ auf die Beine stellen. Oder die Großkollabo „Movies“, dessen Beat, von Akon geschustert, zunächst gewöhnungsbedürftig scheint, spätestens mit Xzibits Part, der sich aus einer Aneinanderreihung von Filmtiteln zusammensetzt, die sicheren Pluspunkte einheimst. Dann fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit, als Xzibit noch mehr als Rapper denn als Schauspieler/Moderator/Unterhalter wahrgenommen wurde.
Leider wird man im Laufe der Spielzeit nur allzu oft daran erinnert, dass dies doch etwas weiter zurückliegt. Zwar weiß X noch immer, wie man Reime aneinanderreiht, doch hilft dies nur bedingt weiter, wenn über ein frei von Inspirationen entstandenen Klimper-Piano-Instrumental gereitet wird. Wenn mit „Stand Tall“ der Versuch unternommen wird, unter die Haut zu gehen und bereits im Ansatz scheitert. Wenn aus der Zusammenarbeit mit E-40 kaum mehr herauskommt, als ein leicht modifiziertes „Whoop That Trick“. Oder wenn sich der Titeltrack als ein biederes Spiel zwischen Rock und Rap entpuppt, das man so a) schon besser gesehen hat und b) keiner mehr so wirklich gebrauchen kann.
Erfreulicherweise endet das Album jedoch nicht, ohne noch zwei durchaus schöne Tracks raus zu hauen. Das gelungene „I Came To Kill“ mit dem dafür geradezu prädestinierten RBX und das darauf aufbauende „Killer’s Remorse“ mit B-Real, Bishop Lamont und Demrick. So darf der Name Xzibit weiterleben, als ein noch nicht vollends vergangener Künstler, der vielleicht nicht mehr den Hunger von einst in seinen Liedern verkörpert, für den ein oder anderen amtlichen Song aber noch immer zu haben ist.
Montag, 18. Juni 2012
Manuellsen - M.Bilal Souledition (Review)
Man attestierst Rappern gerne mal, sie seien nicht wirklich musikalisch und im eigentlichen Sinne ja auch gar keine richtigen Musiker. Seit einer Weile schon beweisen uns eine Hand voll Rapper jedoch das Gegenteil, indem sie sich, neben dem aneinanderreihen von Reimen, auch auf dem Gebiet Gesang mehr oder weniger erfolgreich versuchen. Allen voran seien hier Jonesmann und Manuellsen genannt, letzterer veröffentlichte dieser Tage gar mit der Souledition seines Albums „M.Bilal“ einen Langspieler voller Gesangseinlagen und lässt die Rolle des Rappers seinen Gästen (u. a. MoTrip und Nazar), die so noch einen Hauch Rap mit ins Spiel bringen, neben den Produktionen von Juhdee und Kollegen, die hörbar nah am Rap-Geschehen angesiedelt worden sind mit knackigen Drums und genug Bass, um auch im Auto zu funktionieren.
Der Ruhrpottler versucht demnach auf vorliegendem Album einen Seiltanz zwischen den Genres mit Fokus auf die Sparte Soul bzw. wohl eher RnB. Kein leichtes Unterfangen, wie bereits der Beginn mehr oder weniger eindrucksvoll beweist. So ist „Messerstich“ alles andere als ein üblicher Titel für ein Soul-Stück und wirkt folglich in der Umsetzung leicht halbgar, wie auch das verzichtbare weil durchschnittliche Rap-Feature von Vlacho. Besser macht es da Nazar auf dem direkt folgenden „Fliegen“. Zwar wirkt hier alles zunächst etwas überladen, mit der Zeit findet man jedoch Gefallen am schönen Beat und dem Ohrwurm-Potential des Refrains.
Richtig unglücklich präsentiert sich der Pottweiler dann jedoch im Zusammenspiel mit MoTrip auf „Giftig“. Ein reichlich auf Rap getrimmter Beat lässt Manuellschen ordentlich schwimmen, der in der Folge so klingt, als habe er mit dem Instrumental zu kämpfen, während Trip das Ganze mit seinen Reimen weitaus besser macht und das große Debakel verhindert. Auch im weiteren Verlauf des Albums gelangt man an Stellen, die den Eindruck erwecken, es mangelte an Erfahrung als Sänger und Texter (siehe die leicht nervige Hook von „Sternstaub“).
Es gibt glücklicherweise auch Momente, die allen Bedenken bezüglich der Sangeskünste von Manuellsen vergessen lassen. Die Single „Farben“ etwa, die alles richtig macht, was man nur richtig machen kann und das an US-amerikanische Vorbilder erinnernde, auf clubbig getrimmte „Yeahiyeah“, das schnell ins Ohr geht und Platz macht für einen gut funktionierenden, bewegenden Beat, der in Mark und Bein geht. Bedrohlich gut auch Animus auf „Versteck dich“, einem der wenigen dunklen Songs des Albums, dessen Szenario sehr gut funktioniert.
Alles in allem ist die „M.Bilal Souledition“ eine kleine Enttäuschung. Nicht etwa, weil der Rap zu kurz kommt – dies war schließlich zu erwarten. Sondern hängt zum einen mit der für RnB/Soul nicht unüblichen Themenarmut zusammen (fast immer geht es um Liebe und die Huldigung der Frau), zum anderen an der Tatsache, dass zu oft zu viel auf das fast schon vergessene Autotune zurückgegriffen wurde, was dem Album einen unerfreulichen Hauch von T-Pain einhaucht, was Manuellsen bei bestem Willen nicht nötig hat. Lässt man diesen Effekt künftig weg, pickt sich ausschließlich gut besingbare Stücke und erörtert vielseitigere Themen, darf jedoch gerne auch in Zukunft – zumindest kurzzeitig – die Goldkette gegen den Schal getauscht werden. So jedoch etwas zu vorhersehbar und wenig beeindruckend. Schade.
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Diese Rezension erschien ebenfalls auf HipHopHolic.de
Montag, 4. Juni 2012
Fage MC - Verderb & Gedeih (Review)
„Und das ist harter Stoff, komprimiertes Nervengift! Danach reibt eure Augen, weil die ganze Welt in Scherben liegt!“ rappt Fage MC und hat mit dieser Aussage gar nicht mal so Unrecht. Denn selten zuvor hörte man ein Album eines bis dahin eher als Geheimtipp gehandelten Künstler und war von Grund auf begeistert, wie es bei „Verderb und Gedeih“ der Fall war bzw. ist. Mit dem gesetzten Ziel, die Hörer mit Tiefsinn wie Emotionen gleichermaßen zu erreichen, macht sich der gebürtige Tübinger auf zwölf Tracks ans Werk, um so manchem seiner rappenden Kollegen vor zumachen, wie guter Rap zu klingen hat und verzichtet über die gesamte Spieldauer auf Fehltritte, präsentiert sich stattdessen sicher und selbstbewusst mit seiner Musik.
Wer bei tiefsinnigem Sprechgesang nun an träge vor sich hin plätschernde Instrumentale denkt, vorgetragen von einem Kerl, der sich anhört, als sei die Karriere als Therapeut bereits vorprogrammiert, der irrt hier jedoch gewaltig. Kaum ein Song ist ruhig und besinnlich, bereits der Beginn mit „Tage des Donners“ energisch auf treibendem Beat, der sofort mitreißt. Und statt betuchter Vortragsweise a la Referatarbeit, spuckt Fage MC nicht selten brachial und stets im Takt die Reime, die von dessen charismatischer Stimme profitieren und ein Gesamtpaket schnüren, das ohne Übertreibung zum Besten gehört, was man dieser Tage so auf die Ohren bekommt.
Mal großartig auf dem melancholisch betitelten, unerwartet mitreißenden „Schwarz-Malerei“, im nächsten Moment der begnadete Geschichtenerzähler auf dem tragischen „Schwerelos“, nur um wenig später schon wieder die perfekte Schnittstelle zwischen Rock und Rap mit „Historymaker“ zu ergründen und dabei, fast schon selbstverständlich, geschichtliches Interesse durchblicken lässt und sich Gedanken machte über das, was war und das was sein wird. Einzig die „Büchse der Pandora“ dürfte dem ein oder anderen Scheuklappenträger etwas zu rockig sein, um sofort auf den Track anzuspringen.
Weiterhin beachtlich auch der kurze Ausflug zum Poetry Slam für die pessimistische „Wahrheit“. Ja selbst ein Stück über die vergangene/vorhandene Liebschaft („Verdammte Tür“ bzw. „Sterben für Dich“ artet bei Fage MC nicht in Trübsal aus, sondern wirkt wie die besonnene Auseinandersetzung und Verarbeitung von teils möglicherweise gar selbst erlebten Dingen. Man könnte noch so viel erzählen, nahezu jeder Song wäre eine Erwähnung wert und würde die insgesamt wirklich herausragende Leistung des hier präsentierten korrekt wiedergeben. Zwölf Stücke und kein einziger Aussetzer, das nennt man qualitativ hochwertig.
Es mag wie eine überspitzte Lobrede an einen sympathischen, aufstrebenden Namen wirken, ist jedoch angesichts einer Veröffentlichung wie „Verderb und Gedeih“ keinesfalls aus der Luft gegriffen. Die Texte sind, getreu der eingangs erwähnten Zielsetzung, inhaltlich ansprechend und sorgen für Freude am Hinhören, die Produktionen sind allesamt passend wie unterhaltsam und auf einem Qualitätsstandard, wie man ihn so im Vorfeld mitunter nicht erwartet hätte. Und die Länge vom Album ist mit zwölf Liedern geradezu einladend, um es binnen kürzester Zeit mehrmals in der Anlage laufen zu lassen. Ich denke, man kann hier von einem der besten Veröffentlichungen des erstens Halbjahres sprechen und einen heißen Anwärter auf eine Platzierung in der jeweiligen persönlichen Liste der musikalischen Höhepunkte zum Ende des Jahres hin. Ganz groß.
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Mittwoch, 23. Mai 2012
Xatar - 415 (Review)
Was mag nur in den Köpfen derer vorgehen, die den Namen Xatar noch niemals zuvor gelesen bzw. gehört haben?Ein stämmiger Kerl, der – Gefängnisaufenhtalt sei Dank – authentischer wirkt, als viele seiner Kollegen. Kann das als Rapper funktionieren, ohne automatisch an andere Beispiele, wie Massiv beispielsweise, in den Köpfen der Hörer aufzurufen? Wieder einer derer, der mehr über den Beat stolpert, denn fliegt und Musik mehr dem ‘coolen’ Ansehen halber macht und weniger der in sich herrschenden Leidenschaft für Silben, Reime und die Sprache an sich? Gedanken, die alles andere als abwegig wirken und teils sogar verständlich und nachvollziehbar wirken, angesichts des vorherrschenden Rufs von deutschem Straßenrap bzw. Gangsterrap, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen.
Beginnen wir, ganz untypisch, mit den negativen Seiten von „415“. Da wäre zum einen die etwas drucklose Stimme des Künstlers (eingeschränkte Aufnahmemöglichkeiten sind hierfür keine Ausrede), zum anderen die Tatsache, dass es Xatar schlicht an dem ganz besonderen Etwas fehlt, das ihn unverkennbar macht. Sicher, er rappt mit teils durchwachsenem Flow noch immer besser, als die schlimmsten Befürchtungen und Erfahrungen, aber das wirklich Zwingende in seiner Vortragsweise fehlt schlicht und einfach. Auch im Hinblick auf die abgedeckten Themen herrscht geradezu gähnende Leere. Das immer gleiche Grundthema um Geld, Kriminalität und oberflächlichen Lebensweisheiten langweilt auf Dauer und gipfelt in einem äußerst fragwürdigen Track namens „Interpol.com“, den man nur als misslungene Promoaktion umschreiben kann und an kindliches Prahlen vor Freunden erinnert.
Für das Album sprechen vor allem die Features von Haftbefehl und Nate57. Besonders „Meine Welt“ mit dem Rattos Locos-Signing ist eine kleine Offenbarung und der mit Abstand besten Tracks des Albums, was auch am einnehmenden Instrumental liegt, womit gleich der zweite Pluspunkt Erwähnung findet. Erwartet man im Vorfeld mitunter überladene Synthie-Beats, die vom Rap ablenken sollen, entpuppen sich die Instrumentale als teils sehr schöne Adaptionen von US-amerikanischen Schöpfungen der Ost- bzw. Westküste. Stellenweise übernehmen die Beats gar die Hauptrolle und lassen Xatar nur den Platz in der zweiten Reihe, wie auf „Knast oder Kugel“.
Auch die Aufmachung der CD kann sich durchaus sehen lassen und weiß mit zahlreichen, offensichtlich originalen Ausschnitten aus Dokumenten und Papieren sehr zu gefallen und hebt sich angenehm von 0815-Bildern ab. Zwar kann dieser Umstand alleine das Ruder nicht rum reißen, den Gesamteindruck letztlich aber etwas angenehmer stimmen, der andernfalls doch etwas arg einseitig ausgefallen wäre, so noch auf halben Wege ausgeglichen daher kommt. Freilich ohne über eindeutige Negativaspekte hinwegzusehen.
„415“ ist ein oberflächliches Album, das bestenfalls für den Moment erdacht ist. Die Leistung von Xatar ist ordentlich, wird allerdings nicht selten von den sehr guten Instrumentals überschattet und wenn dies nicht der Fall ist, fallen einem direkt unseriöse Textfragmente ins Ohr (Bsp.: Kool Savas-Seitenhieb auf „Beifall“). Wer keinen Wert auf Inhalt legt und die pure Unterhaltung sucht, bekommt hier ein durchschnittliches Album auf überdurchschnittlichen Beats geliefert, das nicht im Entferntesten an die Entwürfe eines Haftbefehls heran reicht, für ein, zwei Durchläufe jedoch immer noch geeignet ist. Absolut kein Muss und höchstens für Fans interessant.
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Montag, 14. Mai 2012
Moe Mitchell - MMS (Review)
Deutscher Soul / RnB hat es nicht unbedingt einfach und genießt, trotz unbestrittenen Stimmtalenten, größtenteils ein kleines Nischen-Dasein, welches gerade einmal für einige wenige Features auf Rap-Stücken nennenswert erweitert wird. Moe Mitchell wurde auf eben diese Weise bekannt und zur singenden Stimme von Kool Savas’ Optik-Regiment, wo er sein durchaus vorhandenes Potential bereits zum ersten Mal ausspielen konnte. Dieses Jahr war es dann endlich an der Zeit, auch auf Albumlänge und gänzlich Solo (keine Features) zu überzeugen, um festzumachen, ob man Moe Mitchell als Künstler auf dem Schirm haben sollte, als einen der wenigen, erfolgreichen Ausnahmen seines Fachs, oder doch nur als einen von so vielen Gesangsparts in Tracks von rappenden Kollegen.
Zumindest die Vorzeichen sprechen eine überaus deutliche, auf Ersteres beruhende Sprache: produziert wurde fast durchweg von Melbeatz, die man ohne Zweifel zu den besten Produzenten in Deutschland zählen darf wenn nicht gar muss, textlich finden sich immer wieder Beteiligungen von Förderer Kool Savas wieder, welcher wiederum den Primus im Bereich Deutschrap stellt. Viel schief gehen kann da eigentlich nicht, möchte man meinen und fühlt in sich zurecht eine gute Portion Vorfreude auf das, was da im Laufe der elf Stücke so ins Ohr gehen wird. Nicht ganz unvernünftig, angesichts eines so bezaubernden Einstandes wie „Alles an dir“, das den Startschuss zu „MMS“ bildet und einen wichtigen Grundstein legt.
So fällt sofort der Hang zum Schönen bei Herrn Mitchell auf. Die angenehm moderne Liebeserklärung „MMS“ oder das sphärische „Stern“ sollen hier nur zwei Beispiele dafür sein, wie aus dem einfachen, aber ungemein tief gehenden Thema Liebe schön ins Ohr gehende Stücke entstehen können. Doch es geht auch anders, wenn für „Meine Stadt“ in eine eher düstere, grau gefärbte Schublade gegriffen wird, die einzig durch die warme Stimme erhellt wird oder wenn das großartig arrangierte „Regen“ bedrückend ruhig aus den Boxen kommt. Das sind in der Tat wunderbare Momente, die der Vorfreude mehr als gerecht werden.
Doch nicht alles ist perfekt an „MMS“. So überzeugt Moe Mitchell stimmlich zwar, dennoch gewinnt man den Eindruck, die wirklich prägenden Elemente des Albums stammen von den durchweg sehr feinen Instrumentalen. Und auch die vorherrschende Themenarmut ist als negativ zu werten. So schön Lieder über die Liebe auch sein mögen (siehe obigen Absatz), auf Albumlänge erhofft man sich einfach noch etwas mehr Abwechslung und Mut zu Neuem. Möglicherweise wären hier sogar ein oder zwei rappende Gastbeiträge sinnvoll und belebend gewesen und hätten dem gesamten Album etwas mehr Kontur verpasst.
Nichtsdestotrotz ist Moe Mitchell mit „MMS“ ein sehr schönes, wenn auch einfach gestricktes Album geglückt, dass erfahrungsgemäß vor allem bei weiblichen Zuhörern für Jubelstürme sorgen dürfte. Bei aller Lobeshymnen sollte dabei jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass hier noch nicht sämtliche Reserven heraus geholt wurden. Vielleicht noch nicht der ganz große Wurf, für ein erstes, kleines Ausrufezeichen reicht es dennoch. Künftig aber bitte mehr Themenvielfalt, damit ein zweites Soloalbum auch wirklich Sinn macht.
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Diese Rezension erschien ebenfalls auf HipHopHolic.de
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Mittwoch, 25. April 2012
Alpa Gun - Ehrensache (Review)
Wenn es etwas gibt, das man gerade im Bereich der Rapmusik und -künstler eher selten vorfindet, dann ist das Sympathie. Ein von Grund auf netter Kerl passt auch heute, wenngleich sich hier inzwischen einige Beispiele nennen lassen, noch immer nicht so recht in die klischeeüberladene Vorstellung eines Rappers. Der Berliner Alpa Gun bildete hier schon früh eine willkommene Ausnahme und war, neben der klassischen, harten Straßenschale, im Kern seit jeher einer jener Künstler, die man eigentlich gern haben muss. Rau genug für die Jungs aus dem Viertel und dabei fast schon ein Vorzeigebeispiel für sog. ‘Deutsch-Türken’, wenn er in seinen Liedern immer wieder seine Verbundenheit zu beiden Ländern kund tut. Nun erscheint mit „Ehrensache“ das dritte Soloalbum und bildet den Anfang nach der Trennung von Sektenmuzik, gefüllt mit 18 Stücken plus weiteren drei Bonus Tracks auf der Premium Edition.
Wie von Alpa Gun nicht anders gewohnt, fließen nach wie vor die unterschiedlichsten Gangarten in seine Musik mit ein und ergeben ein rundes Ganzes. Während „Almanya“ ganz offensichtlich einer jener Tracks ist, auf denen er für Deutsch-Türken spricht, ist „Sind wir nicht alle ein bisschen…“ mit Fler zunächst vor allem ein bedingungsloses Brett von einem Beat, hinter dessen Text jedoch eine ähnlich ernste Aussage steckt: wir alle haben Vorurteile gegenüber anderen und dennoch sollten wir zusehen, dass wir als Gemeinschaft zusammenkommen und uns unseren voreiligen Denkschemata entledigen. Gelungen auch die ruhigeren Stücke „Hauptsache dir geht’s gut“, das melancholisch-ruhige „Habibi Dervis“ sowie „Leb wohl“.
Doch auch die bissige Seite von Alpa Gun kommt immer wieder zum Vorschein. Wenn er auf „Alles war die Sekte“ mit einem prägenden und bedeutsamen Kapitel seiner Laufbahn abschließt etwa und dabei noch eine letzte Abrechnung zum Besten gibt. Oder wenn mit „Hip Hop“ schlicht das Thema angesprochen wird, das uns alle beherrscht. Und natürlich „Was bist du“ – inklusive sido-Seitenhieb und einem wie gewohnt über allen Standards hinweg rappenden Kool Savas, der ein weiteres Mal seine Sonderstellung im Spiel unter Beweis stellt. Das sind Momente, von denen ein ganzes Album profitiert und die in der Summe den Unterschied zwischen einem guten und sehr guten Album ausmachen können.
Weniger gelungene Augenblicke finden sich so dann jedoch auch auf „Ehrensache“ wieder. „Alpa Gun 2012“ mit seinem an die amerikanische Westküste erinnerndes Soundgebilde etwa, fällt zwar in jedem Falle auf, mag aber nicht so recht ins Ohr gehen. Ausbaufähig auch das nur auf der Premium Edition befindliche „Zu Spät“ mit Toolate, dessen Lines noch etwas mehr Raffinesse vertragen dürften (was das gelungene Instrumental jedoch fast wieder wett machen kann). Und auch die auf „Es hört nicht auf“ als Feature agierende Kitty Kat empfindet man als irgendwie unpassend gewählten Gast, was jedoch nicht am an sich guten Instrumental liegt. Überhaupt wurde auf Produzentenebene auf bewährte Namen gesetzt, allen voran Beathoavenz und Synfonikz, welche gemeinsam den Großteil des Albums präsentiert haben.
Mit „Ehrensache“ ist Alpa Gun ein würdiger Nachfolger zum bereits sehr gut aufgenommenen „Almanci“ geglückt, der auf Produzentenebene mit Qualität glänzt und einen wie gewohnt vielseitigen Alpa Gun beherbergt, der – unterstützt durch wenige, aber gute Features – sein ganzes Repertoire zum Besten gibt und über die gesamte Spielzeit hinweg einen durchweg sehr guten Eindruck hinterlässt, der sich auch beim erneuten Hördurchlauf bestätigt. „Meister aller Klassen“ wäre wohl etwas zu hoch gegriffen, aber in jedem Falle einer, dessen Veröffentlichungen ein konstant hohes Niveau erreichen.
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Tillit - Veto (Review)
Aus Berlin-Mitte stammend, präsentiert uns Tillit mit „Veto“ ein Soloalbum, welches mit sage und schreibe einundzwanzig Anspielpunkten schon zu den größeren Kalibern in Sachen Umfang zählt und soll dabei helfen, sowohl Tillit selbst als auch das noch recht unbeschriebene Label TWT im Lande bekannt zu machen. Auf dem kaum Licht spendenden Dachboden sitzt er da, manifestiert seine Gedanken, um diese dem Hörer nur wenig später in aller Ausführlichkeit mitzuteilen. Diese Vorstellung, angetrieben durch das stimmungsvolle Cover, hat etwas und sorgt fast schon für so etwas wie vorsichtige Vorfreude ob der Dinge, die „Veto“ so bereit hält.
Das leicht futuristisch daher kommende Intro lässt dabei zunächst noch offen, was genau man von Tillit und dessen Werk zu erwarten hat. Doch schon wenig später bekommt man reichlich Gelegenheit, sich ein Bild zu machen von dem Herren, der vom Yuppie bis zum Motzer offenbar mehr als nur eine Fassette zu bieten hat. Da wäre das an sich nette „Als ich noch ein Kind war“ mit allerlei Erzählungen aus der Kinderstube, welches jedoch durch ein nur schwer erträgliches Feature von einem gewissen Derik angeschmiert wird, da dieser wie eine angestrengt klingende Kreuzung aus MC Basstard und Tony D klingt. Und da wäre „Der Heiland“, auf welchem Tillit nicht mit Kritik an den heutigen Medien spart.
Im folgenden offenbaren sich jedoch mehr und mehr Schnitzer, die aufgrund der doch recht langen Spieldauer stark hörbar ins Gewicht fallen. Da wären zum einen die Beats, die an sich taugbar sind, aber die man so auch jederzeit anderswo aufs Ohr gedrückt bekommt. Da wäre der etwas blasse Eindruck von Tillit selbst, der einem bis zuletzt nicht richtig sympathisch werden will, tief verstrickt zwischen Schizophrenie und Wahnsinn, der in dieser Form jedoch mehr anstrengt als unterhält. Und da wäre nicht zuletzt auch der bestehende Eindruck, man habe hier nicht alle Ideen konsequent genug herausgearbeitet. „Bittere Tatsachen“, „Tief im Westen“, „Fussballfan“ oder „Mein Lieblingsladen“ sind im Ansatz durchaus klar gehende Tracks, aus welchen man so viel hätte machen können. Stattdessen verlieren sie sich in den Tiefen der Tracklist ohne Aussicht auf baldige Wiederkehr.
Es geht hier weniger darum, Tillit sein Können als Künstler schlecht zu reden, als vielmehr darum, offensichtliche Mängel auszusprechen, die es in naher Zukunft zu beheben gilt. Denn mit etwas länger haftenden Instrumentalen und klarer umgesetzten Themen hätte man hier einen ambitionierten Berliner vor sich, der sich von den Wesenszügen seiner Kollegen klar abhebt und hervor sticht. „Veto“ liefert hier zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur leider schlicht zu wenig Argumente, weshalb man sich der ganzen Sache widmen sollte. Wäre es doch zu schade, wenn solch ein interessanter Charakter wie Tillit wieder in der Versenkung verschwinden würde.
„Veto“ ist, das muss man an dieser Stelle ausdrücklich betonen, kein schlechtes Album. Es zeigt viele gute Ansätze, auf die sich künftig aufbauen lässt und bringt einen Künstler ins Spiel, den man so nicht aller Tage zu Ohren bekommt. Jedoch erkennt man gerade trotz dieses vorhandenem Potentials, dass hier noch viel zu tun ist, ehe man wirklich aus den Vollen schöpft. Sollte dies in naher Zukunft gelingen, darf man sich auf einen interessanten, undurchsichtigen Tillit freuen, der mit reichlich Kreativität gesegnet, der deutschen Rapszene ein paar willkommene Akzente hinzufügt. Ausbaufähig.
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Samstag, 21. April 2012
BOZ - Kopfkrieg (Review)
Neues aus dem Hause Rattos Locos. Nachdem Nate57 und Telly Tellz bereits mit ihren Veröffentlichungen fast durchweg gute bis sehr gute Bewertungen erhalten haben, folgt mit BOZ nun der nächste Haudegen aus der Hansestadt Hamburg. So manch einer wird diesen bereits aus seiner aktiven Zeit in der RBA kennen, sowie seiner 2010 zum freien Download erschienen „Farben“-EP, welche bei der Hörerschaft sehr gut ankam. 2012 nun das Soloalbum, neunzehn Stücke stark, mit Features aus dem Rattos Locos-Camp, welches es auf Anhieb schaffte, in die deutschen Charts einzusteigen (Platz 60) und sich damit in die Erfolgsserie seines Kollegen Nate57 einreiht. Wie gut „Kopfkrieg“, so der Name seines Werkes, tatsächlich ist, sollen die folgenden Abschnitte aufzeigen.
Nun, zunächst sollte man sich bewusst machen, womit man es hier zu tun hat. Wer die bisherigen Veröffentlichungen des aufstrebenden Hamburger Labels kennt, der weiß, wohin die Reise geht. Geradlinige Instrumentale, die teils zum Kopfnicken einladen, treffen auf authentische, ehrliche Texte, die mit dem erfrischend eigenen Vokabular eine faszinierend einfache, aber wirkungsvolle Formel ergeben, die schlicht passt. Das Ganze lässt sich dabei stets noch immer als ausgereifte Version deutschen Straßenraps bezeichnen, darf in diesem Zusammenhang jedoch zu keiner Zeit mit Veröffentlichungen eines Farid Bangs oder ähnlichem verglichen werden. Die lyrische Übertreibung fällt hier mehr in den Hintergrund, die Schilderung echter Tatsachen genießt Priorität.
BOZ darf man dabei einen sehr gut ins Ohr gehenden Flow attestieren, welchen er auf „Crystal Night“ sodann auch gleich zum Besten gibt, ehe er mit „Autotune“ einen Titel abliefert, der besser ist, als es der Name zunächst mitunter vielleicht vermuten lässt. Denn mal ehrlich, wer möchte denn schon einen grundsoliden Rapper wie BOZ als T-Pain-Ersatz hören? Ganz recht, wahrscheinlich niemand. Dann doch lieber mit Telly Tellz und Nate57 auf „Garnix“, einem derben Stück Rapmusik, das einzig durch eine unpassend wirkende Hook getrübt wird und nichtsdestotrotz einen schönen Überblick über das Können der Labelkollegen darbietet.
Überhaupt ist eines der wohl treffenden Worte für „Kopfkrieg“ das schlichte, ehrlich gemeinte ‘gut’. Egal ob der Titeltrack, der durch vergleichsweise ruhigen Beat und gekonntem Text die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das bekennend offene Stück „Ich brauch dich nicht“, bei dem BOZ mehr von sich preis gibt, als den Straßenhund und dabei dennoch auf kitschige Nuancen verzichtet. Oder aber „Bruder“ bzw. „Du findest Rap scheisse?“, wenn er selbst mit den besten Beweis dafür liefert, weshalb man gerade dies nicht tun sollte. Das Album wirkt in seiner Substanz einheitlich und umgeht es, einen zu abgerundeten Eindruck zu hinterlassen, was sich in einigen hervorstechenden Stücken aufzeigt.
„Kopfkrieg“ ist ein absolut rundes Album mit Ecken und Kanten, so wie man es gerne hat. Keine wirklichen Totalausfälle, ein durchweg überdurchschnittliches Niveau hinsichtlich Beats und Texte, gepaart mit sinnvoll gesetzten Gastbeiträgen, ergeben in der Summe ein wirklich hörenswertes, wenn auch vielleicht kurzweiliges, Album, dem man sich guten Gewissens hingeben kann und das sich zurecht in den hiesigen Charts platzieren konnte. Schönes Ding und ein weiterer Beweis für den schon jetzt beachtlichen Qualitätsstandart, denn man bei Rattos Locos ansetzt.
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Donnerstag, 19. April 2012
Demograffics - Cheese (Review)
Englischsprachiger Rap aus deutschen Mündern – das kann funktionieren, man denke nur einmal an Square One mit dem leider viel zu früh von uns gegangenen Rasul. Vor gut zwei Jahren betraten dann die Demograffics, bestehend aus Dexter und Maniac, das Spielfeld und legten mit „Raw Shit“ einen weiteren Beweis für schnörkellosen, geerdeten Boom Bap-Sound aus deutschen Landen hin, den man so auch ohne zögern seinen Freunden aus Übersee präsentierte, ohne dabei in Fremdscham zu versinken. So wirkt es nur logisch, dass nun mit „Cheese“ das nächste Album der beiden an den Start ging. Darauf enthalten; sechzehn Anspielpunkte für alle, die ein Faible für reges Kopfnicken und etwas gegen House-Rap-Herumgezappel haben.
An den Grundzutaten hat sich in diesen gut zwei Jahren nichts wesentliches getan. Noch immer kommen die Beats druckvoll und satt, wirken organisch und ‘handgemacht’, was in der heutigen Zeit, wo vieles wie aus der Konservendose dröhnt, durchaus etwas Besonderes ist. Maniac versteht es nach wie vor, englische Rhymes fallen zu lassen, die sich nicht nur harmonisch in das bestehende Instrumental fügen, sondern dabei auch klingen, als seien sie direkt aus den Staaten importiert – peinliches Schulenglisch sucht man hier vergeblich. Was sich hingegen etwas verändert hat, ist die Rollenverteilung. Hatte man auf dem Vorgängeralbum noch das Gefühl, es mit einem ausgeglichenen Duo zutun zu haben, bei dem Dexter produziert und Maniac die Reime bringt, scheint es, als habe sich Dexter dieses Mal sehr zurückgehalten. Ein Blick in die Credits des DigiPacks zeigt: zwei von sechzehn Stücken werden unter „prod. By Dexter“ angegeben, der übrige Rest stammt von Maniac.
Wer nun befürchtet, das Album leide unter diesem Umstand, der täuscht. Tatsächlich ist es gar so, dass das weitgehende Fehlen von Dexter kaum wahrgenommen wird, so gelungen sind die Produktionen von Multitalent Maniac. Wenn dieser dann, wie auf dem Opener „Intrography“ eine gerappte Autobiographie auf kickendem Kopfnicker-Beat zum Besten gibt, entwickelt sich dies zur eindrucksvollen One-Man-Show. Und auch das um erlesene Cuts bereicherte „Still Talking“ oder „Hold Up“ sprechen für Maniacs Beatbauer-Künste und gehen als handwerklich einwandfreie Boom Bap-Tracks durch, wie man sie aus Deutschland nur selten zu Ohren bekommt. Einzig das etwas arg hektische „Get The Job Done“ hinterlässt einen bescheidenen Eindruck und ist mit seiner schnellen, unruhigen Art das Pendant zum ungleich relaxteren „Alotastress“.
Dexter haut zumindest mit „How Long“ einen der besten Beats des Albums raus und meldet sich so zumindest kurzweilig auf der Bühne wieder, während er den Hörer daran erinnert, dass dies keine Soloshow sein soll. Dennoch kommt man nicht darum herum, Maniac für seine außergewöhnlich guten Leistungen, hier wie da, zu loben. „Take A Look“ mit Chrizondamic lässt sich gar beattechnisch schlicht als genial betiteln und wird ohne Umwege zum absoluten Höhepunkt der Platte, die ansonsten schlüssig und rund wirkt, wie man das bereits von „Raw Shit“ nicht anders gewohnt war. Warum auch an einer Formel rütteln, die sich in der Vergangenheit bereits bewährte? Eben.
„Cheese“ ist ein Album für Genussmenschen, die Rap nicht schätzen, weil er eben ‘in’ ist und zum ‘harten’ Image passt, sondern weil man in Rap bisweilen ehrliche, bodenständige Menschen wiederfindet, die gerne ganze Plattenläden nach auf schwarzem Gold gepressten Juwelen suchen und schlichte, tief gehende Liebe für etwas entwickelt haben, das mehr ist als nur Rap, nur Musik. Es handelt sich um eine ganze Kultur, die auf eine beeindruckende Geschichte zurückblicken kann. Das ist Hip Hop, werte Leser. Und „Cheese“ ist der dazugehörige Soundtrack im Jahre 2012 und ein schöner Beweis dafür, warum man liebt, was man liebt. Womit dann eigentlich auch alles gesagt wäre.
Als Appetit-Anreger sei noch die Free-EP "Butter" ans Herz gelegt.
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Donnerstag, 12. April 2012
Bizzy Montana - Gift (Review)
Während seiner Zeit bei ersguterjunge stets mehr der Mann im Hintergrund, war Bizzy Montana seit jeher eine, wenn nicht gar die talentierteste Persona im Hause EGJ. Das zeigte der aus Müllheim bei Freiburg kommende Rapper/Produzent nicht nur auf den drei Labelsamplern, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Chakuza („Blackout“) und durch seine dreiteilige „Mucke aus der Unterschicht“-Reihe, die ihm einen treuen Hörerkreis bescherten, welche zuletzt vor gut einem Jahr in den Genuss einer Veröffentlichung gekommen war, ein Mixtape namens „Ein Hauch von Gift“. Nun steht das erste waschechte Album an, welches auf den Namen „Gift“ hört, fünfzehn Stücke umfasst, auf Gastfeatures größtenteils verzichtet und ohne die Marke ersguterjunge auskommt. Fragt sich nur, wie gut ihm dieser wichtige Schritt in seiner musikalischen Karriere geglückt ist.
Fakt ist jedenfalls, dass Bizzy nie einer derer war, die man auf ein bestimmtes Metier reduzieren konnte. Knallt er in der ersten Minute noch auf kraftvollen Synthie-Beats allerlei lockere Sprüche und Punchlines heraus, kann er nur wenig später auf klassischen Piano-Instrumentals den Geschichtenerzähler geben, der über den Ernst des Lebens spricht, ohne dabei in Heulsuselei zu verfallen. Fakt ist, nachdem man „Gift“ gehört hat, auch, dass sich an dieser Tatsache bis heute nichts geändert hat und er noch immer etwas Unberechenbares an sich hat, das ihn auszeichnet und für das ihn das Groß seiner Hörer schätzt und liebt. Es scheint gar, als fiele es ihm mit der Zeit immer leichter, zwischen den Welten zu pendeln und je nach Situation mal Backpfeifen und mal Aussagen zu verteilen.
Exemplarisch für die geradlinige, härtere Gangart seien hier „Bozz im Bizz“ und „Die perfekte Welle“ genannt. Auf ersterem Track begeistert er mit einem drückenden Synthie-Brett, das auch Azad gut stehen würde, welches Bizzy gekonnt nutzt für eine beachtliche Flow-Abfahrt. „Die perfekte Welle“ kommt mit einem nicht minder bösen Instrumental daher und auch hier bekommt man die Reime geradezu um die Ohren gehauen, während es kracht und pocht. Handwerklich gibt es hier nichts zu meckern und wer Inhalt sucht, wird diesen zu genüge in anderen Stücken des Albums finden, die sich überwiegend mit alltäglichen Themen beschäftigen, mit denen sich jeder identifizieren kann.
„Stress“ handelt so, der Titel verrät es bereits, von den Beschwerlichkeiten des Alltags, die jeder schon einmal kennen gelernt haben dürfte. „Was du willst“ ist ein Motivationsspender, in dem Herr Montana dazu aufruft, die Ketten zu brechen und einfach mal zu tun, was man tun möchte. „Engel“ ist entgegen erster Vermutung keine Liebesschnülze, sondern eine Hommage an die verstorbenen Helden und „Fliegen Lernen“ äußert Kritik am Status Quo, wirkt in der Hook jedoch etwas unglücklich. Besser macht es da „100.000 Kilometer“ mit Jonesmann, der seine Qualitäte als Sänger wieder einmal für einen Refrain zur Schau stellt und den sehr bildlich textenden Bizzy wohlwollend unterstützt.
„Gift“ ist ein rundes Album geworden, welches in angenehmen Sphären existiert. Textlich wurde die goldene Mitte aus Inhalt und Egospiel getroffen und beattechnisch aus Piano-Beats und Synthie-Sounds ein abwechslungsreicher Klangteppich erschaffen, der stellenweise gar an alte EGJ-Tage erinnert. Stärken werden hervorgehoben, Schwächen werden – sofern überhaupt vorhanden – gekonnt überspielt und die dargebotene Qualität rangiert über die gesamte Spielzeit hinweg auf einem überdurchschnittlichen Niveau. „Gift“ kann sich durchaus sehen und hören lassen und macht Lust auf weitere Veröffentlichung aus dem persönlichen Giftschrank des Bizzy Montana.
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Baba Saad - Abgelehnt (Review)
2012 ist das Jahr nach EGJ – ähnlich wie der ehemalige Label-Mate Bizzy Montana, ist auch Baba Saad nicht mehr unter dem einstigen Vorzeigelabel und geht seinen eigenen Weg mit dem eigens gegründeten Label Halunkenbande. Kein Jahr später folgte mit „Abgelehnt“ nun Album Nummer Zwei, welches bereits vor geraumer Zeit aufgenommen, zur damaligen Zeit von ersguterjunge jedoch nicht veröffentlicht, abgelehnt, wurde – daher der Albumtitel. Ob diese Entscheidung seinerzeit gerechtfertigt war oder nicht, soll nun die Hörerschaft selbst entscheiden und bekommt zu den 12 Stücken noch vier Bonustracks geliefert, die für zufriedene Ausdrücke in den Gesichtern der Käufer sorgen sollen.
Nun, es erübrigt sich, noch große Worte über einen Künstler zu verlieren, der lange Jahre an der Seite von einem der bekanntesten (und erfolgreichsten) deutschen Rapper verbrachte und in dieser Zeit selbst Erfolge verbuchte, von denen viele ihr Leben lang nur träumen können. Weshalb es sogleich ans musikalische Eingemachte geht, welches von der Grundessenz vieles mit vorherigen Veröffentlichungen gemein hat. Saad ist noch immer der, der er schon immer war. Mit charismatischem Akzent in der ohnehin schon wieder erkennbaren Stimme und einen gut bekömmlichen Mix aus Straßenproletariat und melancholisch erzählenden Stücken, wie das einläutende „BKA“ bestens beweist.
Was im Vergleich zu den ‘großen’ Veröffentlichungen fehlt, sind lediglich die namhaften Feature und die hochwertigen Produktionen. Diese haben zwar auch auf „Abgelehnt“ noch ein durchaus überdurchschnittliches Niveau, schaffen es jedoch nicht, sich über einen längeren Zeitraum in das Gedächtnis der Hörer zu brennen. So gefällt der Straßengottesdienst „Lieber Gott“ oder das etwas zu oberflächlich in die Kritik gehende „Herr Abgeordneter“ durchaus auf Anhieb, aber spätestens am Ende der Spielzeit kann man sich kaum mehr erinnern, was denn vom eben gehörten Album gut war und was nicht. Daran ändern auch das textlich wirklich gute „Das Volk“ nicht viel, wenngleich man diesem das Prädikat ‘Nettes Ding’ anhängen kann.
Für Kopfschütteln sorgt Baba Saad dennoch nur selten. „Bei den Gangsters“ oder „Meine Fans“ sind zwar nicht berauschend, in ihrer Machart zwischenzeitlich vielleicht sogar altbacken bis altmodisch, trüben den ansonsten ordentlichen Eindruck des Albums kaum. Lediglich „Untergrund“ fällt überaus negativ auf und verwirrt mit einem aus komischen Gedudel bestehendem Beat, der in eine zäh ins Ohr gehende Hook übergreift und so zum beispiellosen Negativhighlight der gesamten Spielzeit wird. Hinzu kommt der Umstand, dass thematisch nichts wirklich Zwingendes zur Sprache gebracht wird. Textliche Raffinessen sucht man hier zumindest vergebens.
Interessant wird es dann noch einmal am Ende des Albums, wenn die Bonushäppchen ins Spiel kommen. Dem achtbaren Banger namens „Halunkenparty“ folgt das richtig gut gehende „Mehr als verdient“ mit dem dieser Tage so umtriebigen wie begeisternden MoTrip, der den Song erst auf sein letztliches Niveau anhebt. „Es tut mir Leid“ mit einem unrund wirkenden Refrain von einer gewissen Marcella McCrae kann da nicht ganz mithalten, taugt aber und räumt den Weg für das abschließende Großfeature mit einer vielzahl Bremer Nachwuchskünstler, betitelt nach bavarischen Edelkarosse BMW.
„Abgelehnt“ ist ein mittelprächtiges Album, das über kurz oder lang vergessen werden wird. Schuld daran ist der Mangel an eindeutigen Argumenten. Die Instrumentale sind weitgehend gut, Saad gibt sich spürbar Mühe, um zumindest auf technisch akzeptablem Level zu reimen und trotzdem vermisst man Neuerungen, Entwicklungen, irgendetwas, das in großen Lettern für dieses Album spricht. Einer Erfolgschmiede wie EGJ war dies wohl zu wenig, weshalb die Entscheidung, vorliegendes Album nicht zu veröffentlichen, zumindest nachvollziehbar macht. Freunde von Saad und dessem Stil sollten sich davon jedoch nicht abhalten lassen und es nehmen, wie es ist: mittelprächtig.
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Mittwoch, 28. März 2012
MoTrip - Embryo
Rap ist, da machen wir uns alle nichts vor, seit Jahren schon mehr Egoismus als Gruppenarbeit, mehr Ich denn wir und vor allem viel mehr dagegen als dafür. Man könnte gar soweit gehen und von einer fast durch und durch unsozialen Szene sprechen, die sich nur in den seltensten Fällen auf einen gemeinsamen Nenner einigen kann. Umso erfreulicher ist es demnach, wenn dieser höchst unerwartete Fall eintritt und wir zeuge von etwas sein dürfen, dass uns allen – realistisch formuliert: fast allen – gefällt und uns etwas bringt. MoTrip ist einer dieser Ausnahmeerscheinungen und bringt uns mit „Embryo“ sein Debüt und gemessen an seinen bisherigen Auftritten die berechtigte Hoffnung auf beste Unterhaltung gepaart mit hohem technischen Anspruch. Zu viel, für ein Debüt?
Zu Beginn kommt man jedenfalls nicht darum herum, MoTrip eine gewisse „Wunderkind“-Aura zuzugestehen. Natürlich ist dies ein überaus hochtrabender Begriff (insbesondere, da es mittlerweile schon einen sich in Reimenden ausdrückenden Säugling bedarf, um dieser Formulierung gerecht zu werden) , der beim gebürtigen Libanesen jedoch weitaus weniger Fehl am Platze wirkt, als sonst üblich. Wie sonst lässt es sich erklären, dass Trip, Baujahr 1988, ohne richtige Veröffentlichung bereits das Vertrauen von den Größten im Spiel genießen konnte. Savas, Sido, Samy,…sie alle fanden Gefallen an dem, was da aus dem gutbürgerlichen Aachen so dröhnte. Eine Stimme mit Wiedererkennungswert. Das Talent, sich in Reimen auszudrücken. Und dazu diese gute Portion Menschlichkeit, die so manchem Alibi-Nachwuchsrapper gut zu Gesicht stehen würde.
Nun mögen das gute Vorzeichen sein, jedoch keine Garantie dafür, dass alleine alles ebenso gut funktioniert, wie an der Seite von gestandenen Größen. Ein Feature oder gar ein Song sind eine Sache, ein ganzes Album, hier mit insgesamt 17 Anspielstationen, jedoch ein ganz anderes Kaliber. Dessen war sich MoTrip offenbar bewusst und entschied sich für den richtigen Opener: „Kennen“ ist ein dankbares Stück Rapmusik, ein Paradebeispiel für einen gelungenen Auftakt und die Vorzeigevisitenkarte schlechthin. Der Beat treibt ordentlich voran, die Sprüche fallen von Anfang an fast schon erschreckend locker und sicher, so dass es kein Wunder ist, dass schon im direkten Anschluss „King“ folgt. Selbstbewusstsein scheint hier vorhanden zu sein und bis dahin muss man attestieren, dass es hierfür genügend Gründe gibt.
Tatsächlich steigert sich MoTrip noch weiter, indem er den inhaltlich noch eher dünneren Stücken Lieder folgen lässt, die den Ansprüchen des Künstlers voll und ganz gerecht werden. Das ruhige „Die Frage ist wann“, das von akustischer Gitarre begleitete „Feder im Wind“ oder auch „Tagebuch“ – ehrliche, fesselnde und höchst unterhaltende Tracks, die ohne schmalzige Phrasen daher kommen. Und auch wenn zwischendurch vermeintlich einfach gestrickte Stücke wie „Kanacke mit Grips“ oder „Gorilla“ folgen, besteht kein Zweifel daran, das MoTrip in seinen Stücken gerne Wahres erzählt, seine Gedanken preisgibt und den Hörer teilhaben lässt, statt bloße Geschichten und Behauptungen in den Raum zu werfen.
Wo nun mancher Gefahr läuft, im (sehr guten) Standard zu verweilen, entpuppen sich auf „Embryo“ gleich drei besonders starke Tracks als Höhepunkte des Hörspiels. Zum einen der auf einem Kracherbeat stattfindende Dialog mit Gast Marsimoto auf „Triptheorie / Meine Rhymes & Ich“, zum anderen das emotional angreifende Titelstück (welches sich, wie das Intro auch, am Ende des Albums befindet) und „Wie die Zeit verrennt“. Hier bekommt man einen dramatisch wirkenden Beat auf die Ohren, eine hängen bleibende Hook und eine offen dargelegte Erkenntnis: „Als kleiner Junge träumte ich noch unbeschwert / Ich kannte keine Ängste, heute ist es umgekehrt“
Lange Rede, kurzer Sinn: „Embryo“ ist ein kleines Meisterwerk und in jeder Hinsicht außerordentlich gut. Seien es die sauberen Produktionen von Paul NZA und Numarek, die Sicherheit von Trip hinterm Mic oder einfach nur die wirklich überzeugenden Ergebnisse, die zu Stande kommen, wenn man diese beiden Komponenten vereint. Ein Debütalbum, das alle Türen öffnet, die Erwartungen und den Druck an weitere Werke MoTrips steigen und den Hörer lieben lässt, so dass dieser sich nach siebzehn Stücken dabei ertappt, wie er seine neueste Errungenschaft mit dem Kosenamen ‘Mein Baby’ in die Plattensammlung entlässt. Das ist „Embryo“.
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Sonntag, 21. August 2011
Wu-Tang Clan - Legendary Weapons
Es war Mitte März, als Raekwon seinen Solowurf unter die Leute brachte und damit, wie nach jedem annähernd gelungenem Album aus Clan-Kreisen, das Verlangen, die Lust und Begierde nach einem neuen Clan-Album schürte. Kein halbes Jahr später war es dann doch tatsächlich so weit und mit „Legendary Weapons“ ein neues, vollwertiges Wu-Tang-Album im Kasten, welches von Aufmachung, Sound und überhaupt wieder zurück zu den Wurzeln geht. Soll heißen; zeitlose Banger, angereichert mit Samples aus dem Kung Fu-Filmgenre und unbeschwert auftretende Mitglieder, die den Spaß am Rappen 2011 noch immer nicht verloren haben. Somit stehen alle Zeichen auf einen Volltreffer, den es im Folgenden nun zu bestätigen gilt.
Tatsächlich knallt das gute Stück mit „Start The Show“ und Rae und RZA im Duett gleich direkt mit voller Wucht in den Gehörgang. Ein an sich nüchterner, aber umso kompromissloserer Banger erster Güte, der regelrecht heiß macht, auf alles, was da im Folgenden noch so kommt und mit Wu-Tang-Rufen die Nackenhaare stehen lässt. Dem nicht genug, setzt Sean Price gleich nach und setzt dem Genick nach keinen 5 Minuten schon schwerster Belastung aus, indem er mit Ghostface und Trife Diesel einen nicht minder harten Track raushaut, ergänzt um schmackhaftes Sampling und Klängen von Schwerthieben. Jawohl, das ist die Form, in der man den Clan sehen und hören möchte. Besonders Trife Diesel gefällt hier und ergänzt das ohnehin schon abwechslungsreiche Stimmlagen-Buffet um eine weitere Komponente.
Ein echtes Highlight ist auch das von Soul begleitete „Never Feel This Pain“. Inspectah Deck und U-God spielen sich zu verbalen Helden auf und werden zum gegebenen Zeitpunkt von Tre Williams’ Gesang unterstützt. Doch nicht immer benötigt es ein Großaufgebot von drei oder mehr Künstlern, um einen Track zu besorgen. Zwar trifft dies auf eine Vielzahl der Tracks zu, doch gerade Killa Sha gelingt mit „Drunk Tongue“ ein echtes Ausrufezeichen. Zwei Minuten im Rampenlicht, die ganze Aufmerksamkeit des Hörers ist bei ihm und Sha spittet volltrunken und wie von Sinnen die Reime ins Mic. Rap-Herz, was willst du mehr?
Dass sich alles bis dahin erlebte nochmals toppen lässt, zeigt sich spätestens nach mehreren Durchläufen, wenn man immer wieder beim selben Track geradezu frenetisch zu nicken beginnt: „225 Round“. Ein fantastischer Beat, vier gut geschulte Reimer in der Booth und fertig sind fast 5 hollywoodreife Minuten. Der einzig wirkliche Negativpunkt von „Legendary Weapons“ ist wieder einmal die recht überschaubare Spielzeit. 14 Anspielpunkte, darunter ein Outro und drei Interludes, das ist in der Summe recht knapp gehalten, wenngleich man im selben Moment sagen muss; lieber ein von vorne bis hinten stimmiges, kurzes Werk, als ein durch Lückenfüller in die Länge gezogenes Album.
„Legendary Weapons“ ist das Album, welches sich manch einer schon zu Zeiten von „8 Diagrams“ gewünscht haben. Die Beats sind knackig und atmen den Geist vergangener Tage, die Wu-Tang-Mitglieder liefern allesamt sehr gute Leistungen ab und mit Roc Marciano, Sean Price, AZ, M.O.P. und Termanology wurden interessante Gäste hinzugezogen, die mit ihren Beiträgen das Gesamtbild bereichern und nicht unangenehm auffallen. Genau so, wie Featurebeiträge eben funktionieren sollten. Da bleibt nur zu hoffen, dass bis zum nächsten Streich nicht wieder so viele Jahre ins Land gehen. Enter the Wu-Tang, again.
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Tech N9ne - All 6's And 7's
Es gibt nur wenige Ausnahmeerscheinungen im Rapspiel, welches schon so ziemlich alles gesehen hat. Und vielleicht wäre es übertrieben, zu behaupten, dass Tech N9ne eine nie dagewesene Persönlichkeit ist. Doch Fakt ist, dass es nur wenig vergleichbare Charaktere gibt; technisch der Perfektion nahe, psychisch ein gefährlich guter Mix aus Genie und Wahnsinn, mit einem V8-Motor unter der Zunge ausgestattet, der es ihm erlaubt, in Höchstgeschwindigkeit mit Lines um sich zu werfen und vor allem mit einer klaren Vision, wie seine Musik klingen soll. Somit überrascht es auch nicht weiter, dass es kaum einen Rapper gibt, dem man in den letzten Jahren einen ähnlich starken Fortschritt attestieren konnte, als ihm. Zuletzt mit dem beeindruckend finsteren „K.O.D.“ am bisherigen Höhepunkt seiner Karriere angelangt, folgte mit „All 6′s and 7′s“ der nächste Streich des Königs der Dunkelheit.
Ebenso komplex wie die Person Tech N9ne selbst, war stets auch seine Musik. Vom klassischen Banger über selbst gesungene Hooks, die fast schon poppig wirken, bis hin zu aggressiv gespitteten Kampfansagen, die auch mal ins rockige Gefilde gehen, er beherrscht jede Disziplin erschreckend gut. Mit „Technicians“ wird beispielsweise auf eine an Spartaner erinnernde Hook aufgebaut, ergänzt durch die nahezu endlose Dichte von Techs Reimen, während „He’s A Mental Giant“ neben dem erneut fabelhaft auftrumpfenden Hausherren vor allem der unglaubliche Beat begeistert, bei dem nicht zuletzt der gekonnte Sample-Einbau seinen Anteil daran hat. Und mit „Worldwide Choppers“ wird auch wieder an die ‘Midwest Choppers’-Chronik angeknüpft, dieses Mal unter anderem mit dem Türken Ceza, Yelawolf, Twista und Busta Rhymes. Sehr gut.
Dass sich Tech N9ne auch nach etlichen Veröffentlichungen immer noch traut, neue Wege einzugehen, beweist er auch dieses Mal, indem er mit „Fuck Food“ einfach mal Lil Wayne und T-Pain zum Brunch einlädt. Die dabei anfängliche Skepsis ob der funktionierenden Chemie gehört schnell der Vergangenheit an. Nicht weniger interessant sind die Features mit E-40 und Snoop Dogg auf „Pronographic“ bzw. Jay Rock auf „You Owe Like Pookie“, sowie das vom Rock inspirierte „So Lonely“, das jedoch, entgegen vieler fehlgeschlagener Versuche von Kollegen, Rock mit Rap zu verbinden, sehr gut funktioniert. Insgesamt muss man jedoch festhalten, dass das Album weit weniger finster daher kommt, als das bedrückende „K.O.D.“. Gleich geblieben ist jedoch das wunderschöne Digipak.
Tech N9ne hält auch 2011 weiter an seiner Marschrichtung fest und feilt fleißig weiter an seinem Sound, der sein Wesen wiedergibt und damit persönlicher ist, als vieles, was von Kollegen veröffentlicht wird. Vielseitig, technisch brillant und zwischen schrill und bodenständig agierend, ist „All 6′s and 7′s“ ein wirklich beeindruckendes Werk, dass das mit vorherigen Release gesetzte Qualitätsniveau weiter gehalten wird. Wer ihn bereits kennt, wird ihn auch hierfür lieben, wer ihn bis dato versäumt hat, sollte dies schleunigst nachholen und sich dem wahnwitzigen Geiste des Aaron Yates öffnen. Man wird es im Regelfall nicht bereuen.
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