Montag, 5. Juli 2010

Bosca & Face - Kinokarte: Film eines Lebens




Als Deutschrap-Fan erinnert man sich gerne an das vergangene Jahr, gab es doch so manch hochklassigen Release. Einer davon war mit Sicherheit „Lieber bleib ich broke“ vom Frankfurter Vega, der damit den Stein bei Butterfly Music ins Rollen brachte. Mitte 2010 ist es nun an Bosca und Face, zwei bis dahin eher unbekannteren Namen, die Geschichte des Labels fortzuführen. „Kinokarte“ ist dabei eines jener Mixtapes, die aus gesammelten Werken der jüngeren Vergangenheit bestehen - in diesem Fall sind es Stücke aus den letzten zwei Jahren.

Nun ist der Sinn und Zweck einer solchen Veröffentlichung gerne einmal nur allzu schwer zu ersuchen, so dass man sich als Hörer doch die Frage stellen muss, weshalb man nicht gleich auf neues Material setzt. Was im Vorfeld jedoch nicht als Manko gewertet werden sollte. Denn immerhin setzt es schon zu Beginn mit „Würdest du?“, „Seelenschrift 2007“ und „Identität“ mit Feature-Part von Olson Rough gelungene Stücke, denen man längst nicht anhört, dass diese bereits den ein oder anderen Monat auf dem Buckel haben. Dies liegt zum einen an der durchaus souveränen Vorstellung der beiden Rapper, wobei vor allem Bosca zu überzeugen weiß. Zum anderen glänzen die Produktionen im für Straßenrap typischen Mix aus Melancholie und französischen Inspirationen.

Nur selten wird Abstand genommen vom Pathos der Straße, etwa wenn für „Vive La Musique“ mal eben eine Liebeserklärung an Rap respektive die Musik rausgehauen wird. Ansonsten bewegt sich „Kinokarte“ überwiegend in gewohnten und bestens bekannten Fahrtgewässern, während personelle Unterstützung von Vega selbst nicht fehlen darf. Dieser kommt auf den achtzehn Tracks gleich vier Mal zu Wort und hinterlässt stets einen positiven Eindruck. Unnötig zu erwähnen, dass Vega den Hauptprotagonisten dabei in den Punkten Präsenz und Wirksamkeit ein gutes Stück voraus ist.

Arg viel mehr bleibt über das Mixtape dann auch gar nicht mehr zu sagen. Face & Bosca reißen mit ihren Reimen keine Schlaglöcher in den Boden, fallen jedoch auch nicht negativ auf. Die Produktionen sind, wie erwähnt, an französische Vorbilder angelehnt und liefern den passenden Untersatz für Geschichten aus dem Frankfurter Leben. Und als Zuhörer ist man letzten Endes weder Zeuge etwas Großem, noch hat man das Gefühl, etwas richtig Schlechtes gehört zu haben.

„Kinokarte – Film eines Lebens“ ist ein musikalischer Film ohne große Überraschungen und Innovationen, der sich auf die wesentlichen Eigenschaften des Genres, hier deutschsprachiger Straßenrap, konzentriert und dabei gar nicht mal eine so schlechte Figur abgibt. Großtaten in Form waschechter Blockbuster sollte man daher nicht erwarten, wer jedoch etwa Azad und ähnliches steht, darf rein hören und sich selbst ein Bild machen.
_________________________________
Diese Rezension erschien ebenfalls auf HipHopHolic.de

Sonntag, 4. Juli 2010

Vinnie Paz - Season Of The Assassin




Bald zwei Dekaden im Spiel, davon allein über 10 Jahre als stimmliche Abrissbirne von Jedi Mind Tricks, etliche Beteiligungen an weiteren Projekten (Army Of The Pharaohs, Outerspace), sowie Gastparts auf zahlreichen Alben. Vinnie Paz ist bei bestem Willen kein Neuling mehr im Spiel und weiß wie der Hase zu laufen hat. Und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, erscheint mit „Season Of The Assassin“ das erste Solo-Album des Pazmanian Devil, wie sich dieser gerne nennt. Ohne Jus Allah als Partner am Mic, ohne Produktionen von Stoupe The Enemy Of Mankind, dafür aber mit jeder Menge anderer namhafter Beteiligungen. Eine stilistische Abkehr vom Altbekannten also?

Mitnichten. Vinnie Paz lässt es gewohnt brachial zur Sache gehen, was naturgemäß an seiner doch äußerst beeindruckenden Stimmlage liegt, als auch an den aufs Leib gezimmerten Beats. Wenn Deutschlands Exportschlager Shuko etwa für „Beautiful Love“ die harten Drums auspackt, dann kommt zusammen, was zusammen gehört. Selbiges lässt sich wohl auch über die Kollabo mit Jakk Frost und Freeway auf „Pistolvania“ sagen. Die Schnellspur und Gedankentricksers, zwei der wohl charismatischsten Stimmorgane im Spiel, treffen aufeinander – liest sich nicht nur groß klingt auch so.

Sicknature und DJ Muggs sorgen für ordentlichen Piano-Einsatz, ganz wie sich das für Alben von der Ostküste gehört und selbst das Beat-Genie schlechthin, Madlib, sorgt – etwas überraschend – mit „Aristotle’s Dilemma“ für einen echten Höhepunkt der Platte, bei der vor allem Vinnie Paz die zum Teil doch deutlich formulierte Kritik der letzten JMT-Veröffentlichungen ablegt und sich ausgesprochen stark gibt. „Kill ‚Em All“ mit dem Broad Street Bully Beanie Sigel Höchstselbst kommt Stoupes Form der Kunst derart Nahe, dass man für einen kurzen Moment fast vergessen könnte, es mit Vinnies Soloplatte zutun zu haben.

Ein weiterer erwähnenswerter Eckpunkt ist „Keep Movin‘ On“, welches durch versöhnliche Reime auch im Klangbild für etwas Abwechslung sorgt und der wie gewohnt wild um sich reimende R.A. The Rgugged Man auf „Nosebleed“, der dem werten Paz stellenweise gar die Butter vom Brot nimmt. Sowie das von 4th Disciple produzierte „Washed In The Blood Of The Lamb“, auf welchem sich Vinnie ganz in seinem Element gibt, was auch positive Auswirkungen auf das Hörvergnügen Dritter zur Folge hat.

Zwar durfte man im Vorfeld vor allem aufgrund des Fehlens von Stoupe die Qualität des Ganzen in Frage stellen. Doch gerade hier hat es Vinnie Paz geschafft mit einer ganzen Riege an Top-Produzenten (unerwähnt blieben etwa die Beatminerz, Fizzy Womack, Bronze Nazareth & Lord Finesse) aus dem gewohnten Soundgefilde zu entfliehen, sich in gut dosierter Weise auf weniger plattgetretene Pfade zu wagen, ohne alteingesessene Fans vors Horn zu stoßen. So dass man nach dem offen vorgetragenen „Same Story (My Dedication)“ weder das Gefühl hat, ein JMT-Album gehört zu haben, noch einen abseits taumelnden Tazmanischen Teufel.

Vieles spricht für „Season Of The Assassin“: der wieder erstarkte Paz, die fast durchweg gelungenen Produktionen von Könnern ihres Fachs, Gastbeiträge, die sich gut einfügen (Ill Bill, Paul Wall (!), Block McCloud) und überhaupt ein rundum gut gemachtes Auftreten. Einziges Manko ist, wenn man es überhaupt als solches auslegen kann, gerade die oft genug erwähnte Stimme von Paz. Im ersten Moment noch fesseln und brachial, entwickelt sich das Zuhören im Laufe eines ganzen Albums schon mal zu einer kleinen Motivationsübung. Abgesehen davon, kann Vinnie Paz wirklich sehr stolz auf sein erstes eigenes Werk blicken. Ansprechend.
______________________________
Diese Review erschien ebenfalls auf HipHopHolic.de

Sonntag, 27. Juni 2010

DWEL - Megaherz




Der Sommer fiel in diesem Jahr bislang eher spärlich aus und trotz grau bewölktem Himmel, schwankenden Temperaturen sowie reichlich Niederschläge bleibt die Hoffnung auf einen am Ende doch halbwegs schönen Sommer. Und spätestens dann sollte man sich mit vorliegendem Album des aus Hamburg zu uns sprechenden DWEL, kurz für ‚der wohl ehrlichste Lügner‘, beschäftigen. Nicht erst seit gestern im Spiel, manch einer erinnert sich etwa an den Track „Genug“ auf dem Raportaz Family-Album „Unter Wert“, liefert dieser zwölf gute Gründe ab, die mehr für den Sommer sprechen als der derzeitige Blick aus dem Fenster.

Man stelle sich also nun folgendes Szenario vor: Es ist ein sommerlicher Nachmittag und die Sonne sendet ein ganzes Dutzend ihrer wärmenden Strahlen Richtung Erde. Abends steht gemeinschaftliches Grillen an und nachdem man sich bereits in ein vorzeigbares Outfit gezwängt hat, bleibt noch einige Zeit über, das Wetter zu genießen und die Gedanken schweifen zu lassen. Auf der Suche nach der passenden musikalischen Untermalung stößt man auf „Megaherz“ und legt das Album in die heimische Anlage ein und sofort strömt ein Fluss aus organisch produzierter Rapmusik aus den Boxen, wie man sie von einst noch kennt.

„Live Dabei“ ist einer dieser Tracks. Einer dieser herrlich unkomplizierten Stücke, die einen sofort in die richtige Stimmung versetzen, so dass man sich nach wenigen Strophen bereits wünscht, das Ganze live unter freiem Himmel miterleben zu können. Wohingegen die „Gardinenpredigt“ und „Vier Wände“ mehr in die Kerbe von Storytellern schlagen, dabei aber stets erdig instrumentalisiert sind und Platz für DWEL und seine Texte bieten, die mehr als solide ins Ohr gehen und zu erkennen geben, dass dahinter langjährige Erfahrung steckt.

Des Weiteren bekommt man während der gesamten Spielzeit stets den Eindruck vermittelt, es mit einem von Grund auf angenehmen Zeitgenossen zutun zu haben, der sich auch einfach mal über ein Wiedersehen mit seinem alten „Homie“ freuen kann. Mit „Mind, Body Und Soul“ ein bisschen Liebe verbreitet. Und überhaupt, wer darüber hinaus von der Rose aus Beton und Rosa Parks spricht, der muss jede Menge Liebe für Hip Hop und insbesondere Rap übrig haben, keine Frage.

Womit der rote Faden des Albums ausfindig gemacht wurde, der neben dem zeitlosen und an die gute (alte) Zeit erinnernden Sound die zentrale Basis bildet. Ausrutscher wurden konsequent vermieden, so dass man sich den Druck der Skip-Taste guten Gewissens ersparen kann. So wirkt das Alles stimmig und unaufgeregt, wie eben jener eingangs erwähnte Sommertag, den man des Öfteren so schmerzlich vermisst.

Ein Album wie eine gute Tasse Kaffee, um auch den Brückenschlag zum Cover herzustellen. Man weiß was man bekommt; ein bewährtes Grundrezept, welches sich über die Jahre hinweg bewährt hat. In Verbindung mit einem redseligen Künstler, der seine Inspirationen und Einflüsse gekonnt in seiner Musik verbaut und damit ein angenehmes Stück Deutschrap schafft. Für das man gerne mal die sonst vorherrschenden Synthesizer-Gewitter links liegen lässt. Entspannt wie ein Tag in der Sonne.
_____________________________
Diese Rezension erschien ebenfalls auf HipHopHolic.de

Team Avantgarde - Paradox




Die Avantgarde, oder auch Vorhut genannt, ist beim Militär ein vorausgehender Trupp, der der Aufklärung dient und als solcher vor allen anderen auf Feindbewegung trifft. Getreu dieser Mentalität schreitet auch das Duo bestehend aus Phase und Zenit voran und ist dem Standard im deutschen Hip Hop stets um eine Nasenlänge voraus. Ein bisschen verworrener und abseits der Asphalt-Massaker, mit kreativem Denken gesegnet und dem nötigen Schuss an Experimentierfreudigkeit, die dieses Team eben ein kleines bisschen anders wirken lassen als den nächsten Punchline-Gott aus dem 5000-Seelendorf von nebenan. Mit dem sechzehn Stücke umfassenden „Paradox“, welches über die Qualitätsinstitution Edit Entertainment erscheint, geht die Geschichte der Berliner Jungs im Jahre 2010 weiter.

Bereits „Absolut“ aus dem Jahre 2007 kam außerordentlich gut bei der breiten und offengesinnten Hörerschaft an und wer bereits damals an der frischen Luft schnupperte, die vom Team Avantgarde versprüht wurde, der kann sich in etwa ausmalen was ihn erwartet. Alle anderen wird auf dem anfänglichen Titeltrack vor Augen geführt, wohin die Reise geht und ob man gewillt ist, den musikalischen Freigeist des Albums in sich aufzunehmen, oder eben nicht.

Unentschlossenen kann man als Hilfestellung „Deinen Namen“ vorspielen lassen. Einen Track, den man so wohl auch der Liebsten vorspielen könnte, spiele sich nicht in der Vergangenheit. Oder man hat ein offenes Ohr für Gris und dessen Mitspiel auf „Guck Mein Drumset!“, zu welchem selbst die werte Mutti mit dem Bein zuckt und für welches in der Tat ganz erlesene Drums ausgepackt wurden. Spätestens nun sollte man sein Kreuz gemacht haben.

„30m²“ ist dann nämlich bereits einer der größten Stücke des Albums und erhält in der Wertung ein einfaches wie ehrwürdiges ‚Top‘ – Zenit produziert den maßgeschneiderten Track und Phase füllt diesen mit seiner wiedererkennbaren Stimme geradezu perfekt aus, eine wahre Glanzleistung. Nicht weniger gelungen auch das abwechslungsreiche „Geträumt – Aufgewacht“ und nicht zuletzt das mit Achtziger-Drums versehene und Erinnerungen weckende „Wunderbare Jahre“. Womit man bereits eine ganze Hand voll überdurchschnittlicher Stücke beisammen hätte.

Hinzu kommen schlüssige Features von Label-Kollegen wie Amewu, Gris oder Wakka sowie Justus und Boba Fettt, die dem eigentlichen Sinn von Gastbeiträgen, ein Album durch ihre Präsenz hinsichtlich Abwechslung und Unterhaltung zu erweitern, nachgehen. Ganz ohne den Fokus dabei von Team Avantgarde auf die Gäste zu legen, so dass stets klar ist, auf wessen Album man sich befindet. Was bei manch von Features überfluteten Album/Mixtape ja schon mal in Vergessenheit geraten kann.

So aber bekommt der Käufer ein unkonventionelles, erfrischendes Album vorgesetzt, das mit seinem Grundtenor zwischen Depression und Aufbruch steht und dies im finalen „Tod – Leben“ symptomatisch wiederspiegelt. Feiert man entweder von Beginn an hart oder mit jedem Hördurchgang mehr und mehr. In jedem Falle ein echter Gewinn. Für die Künstler selbst. Für den Hörer. Und für die gesamte Szene. Demnach: „Paradox“ der Albumtitel, stimmig das Endergebnis.
_____________________________________
Diese Rezension erschien ebenfalls auf HipHopHolic.de

Montag, 21. Juni 2010

Eminem - Recovery




Halbzeit im Jahr 2010 und es wird mal wieder nur allzu deutlich: bei all dem Fanatismus um Lil Wayne in den letzten Jahren und dem fast schon übertriebenen Hype um Drake, der wahre König der Massen kommt noch immer aus Detroit, Michigan. Wenn Marshall Mathers veröffentlicht, dann schenkt ihm die mediale Welt die vollste Aufmerksamkeit. Monate im Voraus wird über mögliche Gastspiele und Produzentenbeiträge spekuliert, Suchmaschinen laufen heiß und jeder wartet sehnsüchtig auf die Antwort zur Frage, was Eminem denn dieses Mal nur wieder alles aus seinem Hütchen zaubert.

Nach „Relapse“, dem Rückfall, nun als „Recovery“, die Genesung. Sechzehn Stücke, die im Gegensatz zum Vorgänger auch Produzenten beherbergen, die außerhalb des bekannten Shady-Umfelds kommen wie etwa Just Blaze oder Jim Jonsin. Dazu wenige, aber umso namhaftere Gastbeiträge, die mit Ausnahme von Lil Wayne wenig mit Rap zutun haben als vielmehr mit, man darf es ruhig aussprechen, Pop. Da sich jedoch auch Em gerne in den Chartgefilden einnistet, wirken die Beiträge von Pink und Rihanna fast schon weniger überraschend, als man es im ersten Moment vermuten mag.

Überraschender ist da schon der Beginn des Albums in Form von „Cold Wind Blows“. Ohne großes Drumherum bekommt man einen Just Blaze-Beat der besseren Sorte hin geklatscht und bewundert Eminem bei seiner fünfminütigen Performance, die, gespickt von allerlei Schimpfwörtern, angemessen auf das im Anschluss folgende einstimmt. Beispielsweise das von Mr. Porter in Szene gesetzte „On Fire“, einer bloßen Zurschaustellung von Herrn Mathers absurden Können hinterm Mikrofon, bei der auch eine Brooke Hogan einen kleinen Seitenhieb einzustecken hat.

Gemeinsam mit Pink wird anschließend in gut viereinhalb Minuten mehr Energie frei, als auf so manchem Konkurrenzalbum, so dass der Titel „Won’t Back Down“ angesichts der bissigen Lines durchaus Sinn macht. Weniger Sinn, dafür aber Spaß, macht „W.T.P.“, wenn zur White Trash Party geladen wird, bei der der ‚Stephon Marbury of Rap‘ besonders intensiv auf die Ladies eingeht und auf Seiten der Hörer für Lacher sorgt. Typisch Shady, wenn man so will. „Not Afraid“ wiederum bedarf aufgrund des Erfolges und mächtigen Airplays keinen großen Umschreibungen: So klingt erfolgreicher und ganz nebenbei noch gut gemachter/gerappter Sprechgesang.

Unkonventionell erneut Just Blaze, der sich nach „Dragostea Din Tei“ das nächste mutige Experiment vorgenommen hat und für „No Love“ mal eben Haddaways „What Is Love“ zu einem reichlich interessanten Beat umgerüstet hat, wenngleich der Crime Mob dies bereits drei Jahre zuvor vormachte. Hinzu kommt Lil Wayne und fertig ist der von der Machart her mutigste Track des Albums, der erfrischend anders ins Ohr geht. Der gute Dr. Dre bleibt derweil in gewohnten Gefilden und liefert mit „So Bad“ einen Brecher klassischer Bauart – nicht selten, aber schön.

„Recovery“ ist das, was sich so manch einer nach „Relapse“ erhofft haben wird. Eine stellenweise Abkehr vom Gewohnten, die bereits durch das Hinzuführen weiter Produzenten herbeigerufen erreicht wird. Mit einem Eminem, der sich mit jedem Stück hörbar Mühe gegeben hat und verstärkt ernste Lines hat einfließen lassen, ohne den Spaß gänzlich auf der Strecke zu lassen. Features, die harmonieren (selbst Rihanna weiß zu gefallen), musikalische Vielfalt wohin man blickt und über alledem der Wortschwall von einem der größten Rapper der Geschichte. Rap-Herz, was möchtest du mehr? Genesung vollendet.
_______________________________
Diese Rezension erschien ebenfalls auf HipHopHolic.de

Samstag, 19. Juni 2010

Olli Banjo - Kopfdisco




Er gehört ohne Zweifel zur absoluten Speerspitze der deutschsprachigen Rap-Künstlern und haut mit einer fast schon unheimlich scheinenden Kontinuität Jahr für Jahr auf Silberlinge gebannten Wahnsinn in Reimform raus. Nach dem Kollabo-Album mit Jonesmann im vergangenem Jahr, bekam man dieses Jahr vor allem auf Kool Savas‘ „John Bello Story III“ eine kleine Portion vom fürs Rapvolk so nahrhaften Potpourri aus perversen Zungentechniken, einer unglaublichen Präsenz am Mic und nicht zu vergessen die Wortspiele. Diese scheinen zum Teil aus einem Hirn zu entspringen, das sich das Beste eines Goethe und einem „Fear & Loathing In Las Vegas“ bedient. Kurzum ist Banjo stets großes Kino. Ganz besonders natürlich, wenn es in Albumlänge an Werk geht, wie mit „Kopfdisco“.

Neunzehn Stücke umfassend, bekommt der Hörer allerlei auf die Ohren, was auch nach dem Hören im Gedächtnis bleibt. Zunächst wäre die bloße Zurschaustellung Olli Banjos Können Kernthema. Dieses steckt in jeder Zeile des Openers „Szenecountdown“ und wabbert ordentlich darauf los. Dass dies noch längst nicht alles ist und die Latte noch weitaus höher gelegt werden kann, beweisen „Randale In Der Sonderschule“ und „Ich Bin Ein Rapper“. Ersteres darf man gerne als kleinen Tadel an die Jungspunde da draußen sehen, wohingegen sich Banjo auf „Ich Bin Ein Rapper“ der allgemeinen Spezies Rapper annimmt und das bestehende Bild aufs Genaueste seziert.

Bereits hier darf das ein oder andere Mal gelacht werden, besonders weil es Olli Banjo gelingt, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu agieren. Ähnlich wie ein Blumio, kann man die Stücke als das nehmen was sie sind und sich daran erfreuen. Oder aber die Lines genauer betrachten, um in den gesamten Fokus des Wahnsinns zu kommen. Bei allem Spaß fügen sich dennoch auch feinnervige Stücke wieder. „Lichtplanet“ beispielsweise, auf welchem ein bedrückendes Bild gezeichnet wird. Lustige Punchlines, bildliche Sprache, wilde Klopperei, sexuelle Extreme – der Banjo weiß halt einfach in allen Disziplinen zu glänzen.

In der Schule würde ihn dies zum Streber und somit Feind der übrigen, leistungsschwächeren Mitschüler machen. Rap ist jedoch längst kein Klassenzimmer mehr. Auch wird wohl selbst dem neidvollsten Kollegen das Lachen packen, wenn für „Quando“ Fergie mit so viel Stil in die Ecke getreten wird, dass man dabei sein möchte, wenn diese Bombe live vollends zündet. Nicht genug? Dann sei einem „Vom Anderen Planet“ ans Herz gelegt. Was als textlich stimmige Einleitung eines Horrorstreifens beginnt, wird zum Scary Movie der Rapwelt. Da wird die außerirdische Freundin, nachdem diese die Liquidierung Banjos plant, galant in die Schranken verwiesen: “Wie willst du mich töten, ohne dir selbst in den Fuß zu schießen? Du kannst nicht mal einparken - und du willst ‘n UFO fliegen?”.

Man könnte zu nahezu jedem Stück von „Kopfdisco“ mehr als einen Satz verlieren, so einzigartig sind diese. Besonders dank der innovativen und alles andere als alltäglichen Themen, die behandelt werden („Fotografieren“). Dazu kommen zwar lediglich zwei Gäste, die jedoch ebenfalls bleibenden Eindruck hinterlassen. Während die Chemie zwischen Savas und Banjo in der Vergangenheit bereits thematisiert wurde, ist es vor allem Xavier Naidoo, der sich ungewöhnlich dunkel und vor allem als Teilzeit-Rapper zur erkennen gibt. Weshalb „Mein Weltbild“ künftig in keiner Best-Of-Liste beider Künstler fehlen sollte.

Natürlich kann man nun argumentieren, hier überschwänglich lobende Worte zu lesen, die fernab aller realen Erfahrungen liegen. Fakt ist jedoch, dass in der Tat Track für Track eine kleine Tür geöffnet wird, man eintritt und in dem folgenden Raum neugierig dreinblickend verweilt, ehe man in die nächste Türe geschickt wird. Kopfkino nennt man dieses Phänomen gerne mal. Bei Olli Banjo heißt dies, dank der zum Teil wieder gewohnt brachialischen Synthiebretter zutreffend, „Kopfdisco“. Ein Album, das sich aufmacht, um auch in einigen Jahren noch gefeiert zu werden. Ein moderner Klassiker? Man möchte nicht verneinen.
_________________________
Diese Rezension erschien ebenfalls auf HipHopHolic.de

Herr von Grau - Revue




Das Musikbusiness wird, wie jedes andere Business auch, überwiegend von einer Hand voll Stereotypen besiedelt, welche zumeist kaum großartige Differenzen untereinander ausmachen und irgendwo in eine recht ähnliche Richtung lenken. Nur selten tummelt sich dazwischen etwas Exotisches, das sich nur allzu schwer kategorisieren lässt und mit seiner eigenen Note für die nötige Prise an Abwechslung und Vielfalt im Reich der Reime und Pointen sorgt. Umso erfreulicher ist es demnach, wenn man auf solche Überraschungen trifft, die den gewohnten Gang etwas auf Trab bringen. Womit wir bei Benny und Kraatz aka Herr von Grau wären.

Nach dem vielgelobten „Heldenplätze“ folgt nun eine neunzehn Stücke umfassende „Revue“, die hinsichtlich der Qualität an den Vorgänger anknüpfen möchte. Und mit dem künstlerisch durchaus ansehnlichen Artwork gelingt dies auch auf den ersten Blick hin, was jedoch noch keinerlei Aufschluss über die musikalischen Vorzüge des Albums gibt. Dafür bedarf es zunächst einem aufmerksamen Hördurchlauf, an dessen Ende man, so viel sei an dieser Stelle bereits verraten, überrascht ist.

Zunächst bildet der titelgebende Track das erste Ausrufezeichen. Eine musikalische Rundschau, die vortrefflich das ewige Auf und Ab eines jeden Menschen thematisiert und den so schwierigen Mittelweg aus Höhen und Tiefen sucht. Bereits hier verschmilzt die grandiose weil warme Instrumentalisierung mit der charakteristischen und gut wiedererkennbaren Stimme von Benny. Kalte Synthie-Gewitter sucht man hier bisweilen vergeblich und wer diese erwartet, ist hier ohnehin leicht fehl am Platze.

Weiter geht es mit der kritischen Abrechnung mit Herrn Westerwelle auf dem deutlich betitelten „Guido“. Was man vorschnell als schlichten Diss-Track bezeichnen könnte, zeugt lediglich davon, dass Bennys Gedanken und Interessen weit über das begrenzte Standardrepertoire des Blockchefs hinaus gehen. In Blüm‘scher ‚Spaß muss sein‘-Attitüde darf jedoch auch des Öfteren geschmunzelt bis gelacht werden. Klasse ist so etwa „Dicht“, dessen Unterhaltungswert auch mit erhöhter Rotation nicht wesentlich schwindet und die, den Track „Egoflash“ einleitende, Werbemaßnahme für „Egocreme“ mit der ‚Geiz ist geil‘-Stimme bekannt aus dem Fernsehen.

Im weiteren Verlauf frönt man dem „Beischlaf“ und gibt sich ganz dem ein oder anderen „Gehirnfurz“ hin, ehe man schließlich mit „Maskenball“ das nahende Ende einläutet. Nicht ohne die Erkenntnis der immer wieder auflauernden (Ent-)Täuschung mitzunehmen, getragen auf einem grandiosen Beatteppich, der seinen Teil zur allgemeinen Begeisterung beiträgt. Melancholisch bis nennen wir es minimalistisch optimistisch schließt das Album dann ab und verabschiedet sich würdig und lockt geradezu zum erneuten Hören.

Herr von Grau ist eine Ausnahmeerscheinung und untermaut dies mit „Revue“ noch einmal aufs Deutlichste. Der Sound knackig, die Reime fesselnd und gehaltvoll, greift man besonders gerne zu Herr von Grau, wenn es wieder einmal nach guten, bodenständigen deutschen Rap dürstet, der sich seine Inspiration im Alltag holt und weniger in übertriebenen Gewaltvorstellungen schwelgt. Ein Album, welches die Genießer anspricht und idealerweise als geschlossenes Ganzes konsumiert wird. Sättigend.
______________________
Diese Rezension erschien ebenfalls auf HipHopHolic.de