Sonntag, 27. Dezember 2009

Samy Deluxe - Der Letzte Tanz




Kool Savas tat es, die Jungs von Aggro Berlin taten es, Azad ebenso und jetzt folgt auch Samy Deluxe, dessen Deluxe Records nun seine Pforten schließt und damit für eine weitere karge Stelle in Deutschlands Labellandschaft sorgt. Traurig und doch wahr, aber bevor es endgültig vorbei ist, wird noch einmal veröffentlicht. Fast schon selbstverständlich, dass es sich dabei um den Chef selbst handelt, der mit „Der letzte Tanz“ Abschied nimmt von einem gelebten Traum, der nach bewegten Jahren ad acta gelegt wird.

Gemixt von niemand geringerem als DJ Mixwell und ausgestattet mit einem Gastpart von Ali A$ schließt Samy Deluxe den Kreis aus rückwärtsgewandter Nostalgie und der jüngsten Gegenwart. Klingt alles reichlich anstrengend, startet aber durchaus entspannt in die letzte „Neue Saison“. Ein relaxter Beat, gut aufgelegte Reime von Samy Deluxe und man möchte kaum glauben, dass manch einer aufgrund von „Dis Wo Ich Herkomm“ ernsthaft Zweifel an den Qualitäten des Hamburgers hegte.

Ob auf „Der Letzte Tanz“, das den Werdegang des Labels noch einmal behandelt oder dem von Reggae geprägten „So Viele Fragen“, technisch brilliert hier jemand nach wie vor wie kaum ein anderer. Und wer noch immer nicht damit klar kommt, dass Samy Deluxe nicht mehr nur Rap macht, der möge sich bitte eindringlich auf das beeindruckende „Katze Aus Dem Sack“ einlassen, bei dem stilsicher zwischen Rap und Gesang gewechselt wird mit einer Leichtigkeit, die seinesgleichen sucht.

Musikalisch frei und stets positiv gestimmt geht auch „Hin Und Her“ ins Ohr, das klare Ohrwurm-Qualitäten mitbringt, während Monroe „Truf Is Back“ ins Rennen schickt, das wieder klar nach Deutschrap klingt, nahezu endlos wirkende Reimkaskaden inklusive. Der Baus Of The Nauf ist back, möchte man rufen, nur um einen Track später bereits aufgeklärt zu werden, es mittlerweile mit dem Baus Of The Dauf zutun zu haben. „Draussen Aufm Dach“ macht dabei ordentlich Druck und als Hörer setzt man die Suche nach dem entscheidenden Aussetzer in der Tracklist fort.

Fündig wird man eventuell kurze Zeit später mit „Sag Mir Was Du Von Mir Willst“, das rein äußerlich betrachtet große Kunst ist, überhaupt keine Frage. Und wer wünschte sich nicht wieder die ein oder andere Line des Wickeda-MCs aka Samsimilia. Doch mit stimmenverzerrten Gesangparts wird der Bogen dann ein klein wenig überspannt, zumal Auto-Tune-Affinitäten hier leicht fehl am Platze scheinen.

Das war es dann jedoch auch schon wieder an Kritik. Was nun folgt ist ein Hammer nach dem anderen. Die langerwartete Rache des Samsilias etwa, die auf drei Instrumentals ausgebaut Weed-Lines aller erster Güte beherbergt, der krasse Beat von „Hussel Und Flow“, ein Flow-Ungeheuer namens „Nie Genug“ mit Ali A$, das leider viel zu kurz geraten ist und das vielleicht beste Outro, das man seit ewigen Zeiten gehört hat. Wo andere Alben bereits zusammenpacken, da dreht „Outta Hier“ noch einmal mächtig auf, so dass mit Monroes Beihilfe ein Wahnsinnsende entworfen wurde.

Nun hatte man gute 50 Minuten Zeit um sich zu verabschieden und doch fällt es einem letztendlich schwer, sich mit dem Gedanken anzufreunden, künftig ohne das Hamburger Label durchs Leben zu gehen. Weshalb man seine ganzen Hoffnungen in Samy Deluxe setzt, der seine musikalische Brillanz hoffentlich auch noch lange nach der Ära Deluxe Records nach außen trägt. Bärenstarker Abgang.
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Dienstag, 22. Dezember 2009

La Connexion - Entre Rap Francais Et Deutschrap




Viel wurde im Vorfeld über dieses wunderbare Projekt berichtet, das die deutsche mit der französischen Rapszene verbinden möchte. Eine Idee, die in der Vergangenheit schon das ein oder andere Mal umgesetzt worden ist, aber selten mit einer derartigen Liebe zum Detail und ähnlich viel Hingabe. Denn was Bodensee Records für „La Connexion“ auf die Beine gestellt hat, ist wahrlich aller Ehren wert. Nicht nur eine CD mit achtzehn Tracks, bei der eine Vielzahl großer Namen aus Frankreich und Deutschland zu Worte kommt. Nein, sogar eine zweite CD mit allen Instrumentalen sowie zwei Acapellas ist im Paket enthalten und eine schön gefüllte DVD. Ach ja und da wäre dann ja noch der Gutschein für ein Gratis „La Connexion“-Shirt.

Was Aufmachung und Umfang angeht, gibt es also absolut nichts zu meckern und kritisieren. Stellt sich nun natürlich die Frage, wie es sich mit der darauf enthaltenen Musik verhält. Lieblos zusammengewürfeltes Durcheinander möchte letztlich ja auch niemand haben. Da beruhigt einen jedoch fürs Erste das stimmige „Intro“, das mit zahlreichen Cuts auf Französisch und Deutsch für die richtige Atmosphäre sorgt, ehe Mindens Finest Curse gemeinsam mit Akhenaton verkündet „Yes We Can’t“. Gleich eine der namhaftesten Kollabos zu Beginn also, die, fast schon wie erwartet, gut wurde und einen gelungenen Start ermöglicht.

Ohne Umschweife kommt man anschließend zum Highlight des Samplers, „Phoenix“. Was vom Titel her am Besten zu Azad passen würde, berappt der ebenfalls aus der Nordweststadt kommende Jeyz gemeinsam mit Freeman. Ein toller Beat, der die französische Betonmelancholie hervorragend einfängt und Jeyz‘ Stimme sehr schön zur Geltung kommen lässt. Eine harmonische Angelegenheit ist auch das Aufeinandertreffen von Baba Saad und Sat, die sich gut ergänzen und die Kollabo Azad & Rim’K, welche sich treffend mit ‚groß‘ umschreiben lässt und viel zu schnell zu Ende geht.

Erwähnt werden sollte auch das deep aufgebaute „Briefwechsel“, für das Jonesmann und Bakar die Stifte in die Hand nahmen. Dezent mit Gitarre untermalt, darf gewichtig ins Mikrofon gereimt werden, wie man es von den beiden Interpreten kennt und liebt. Stark gibt sich auch Marteria auf „La Haine“ mit Kennedy bzw. Chaker auf „F+++ Die Strasse“, während Olli Banjo die tiefmelancholischen Streicher von „Politik“ garniert. Den letzten Pluspunkt bekommt dann noch Savant Des Rimes, welcher an der Seite vom King Of Rap eine beachtlich gute Figur abgibt und auch mal kurz ins Deutsche wechselt.

Zwar kann nicht jeder der achtzehn Tracks und Beats in überdurchschnittlichem Maße überzeugen. Ebenso wie Haftbefehl nach wie vor starke Geschmackssache ist (wenn hier auch ganz ordentlich am Tun). Im großen Ganzen aber ist es erfreulich, dass sich viele namhafte und stilistisch unterschiedliche Charakter (Curse, Massiv, Marteria) zusammengefunden haben und somit für jeden etwas dabei sein dürfte. Ganz zu schweigen vom Wert des Projektes für das innereuropäische Rapverständnis.
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Samstag, 19. Dezember 2009

Rakim - The Seventh Seal




Größe, Langlebigkeit und allgegenwärtiger Respekt – wer träumt nicht davon? Bereits in der tiefsten Vergangenheit des menschlichen Lebens waren diese drei Punkte existent und sie sind es noch heute. Wenngleich es heute, ohne Eroberungsfeldzüge, Belagerungen und dergleichen wesentlich schwerer ist, seinen Namen in Stein zu meißeln, wo dieser die Jahrzehnte heil übersteht. Einer, der es geschafft hat, sich fest in den Analen des Hip Hops bzw. auch darüber hinaus zu verankern ist Rakim. Eine lebende Legende, die unvergessliche Klassiker erschuf, nie den Bezug zu seinen Wurzeln verloren hat und selbst nach über zwanzig Jahren „Paid In Full“ mit neuem Material aufwartet. Schließt den Mund, spitzt die Ohren und hört gut hin, der Meister spricht.

Wie mittlerweile schon weitverbreiteter Usus, sah man auch „The Seventh Seal“ nicht frei von Zweifeln entgegen. Fragen kamen auf, etwa ob ein alter Mann wie Rakim es überhaupt noch fertig bringe Qualität auf Albumlänge abzuliefern. Diese Fragen sind berechtigt, schließlich gab es schon genügend etablierte Künstler, die ihren Ruf mit schlechtem Material nachhaltig ruinierten. Dennoch übersah man gerne mal, dass Rakim einst zum God MC auserkoren wurde, ein Titel, der wahrlich Bände spricht. Zeit also, sich den 14 neuen Stücken zu widmen, die einen Eindruck davon vermitteln sollen, was reimtechnisch dieser Tage noch so geht.

Los geht es wie in der Schule. Der Hörer sitzt gespannt an seinem Platz und blickt im Geiste nach vorne zum Lehrer, der in unserem Beispiel kein langweiliger Theoretiker ist, sondern Rakim Allah, welcher mit „How To Emcee die erste Lehrstunde bestreitet. Auf einem ungehobelt rohem Instrumental wird so auch der schläfrigste Schüler wach und richtet seinen Aufmerksamkeit aufs Geschehen. Das wird belohnt mit einem gelungenem „Walk These Streets“, das mit Maino als Feature auch als Single fungierte und kalt wie New Yorks Straßen im Winter sauber einfährt.

Mit für New Yorks Klangbild typischem Piano wurde dann auch die lyrische Geschichtsstunde „Documentary Of A Gangsta“ inszeniert. Atmosphärisch dicht gibt Rakim den Erzähler, der detailliert mit seinen Worten begeistert. „You And I“ lässt auf ein obligatorisches Schnulzenlied schließen, entpuppt sich jedoch als üppig ausgestattetes Bass-Geschoss, was zunächst ungewohnt wahrgenommen, mit der Zeit jedoch durchaus zu gefallen weiß. Und das von Nick Wiz produzierte „Holy Are U“ fesselt bereits von der ersten Sekunde an. Bis hierhin also eine wirklich unterhaltsame Angelegenheit, die Laune macht.

Dem Ende hin nimmt die Faszination für den God MC zwar minimal ab und Tracks wie „Satisfaction Guaranteed“ oder „Working For You“ lassen sich „nur“ als grundsympathische, locker ins Ohr gehende Tracks umschreiben. Wenn dann aber Rakims Tochter für „Message In The Song“ mitwirkt oder „Still In Love“ ertönt, ist man wieder Feuer und Flamme. Daran ändern letztlich auch ein paar austauschbar eingespielte Tracks („Won’t Be Long“, „Psychic Love“) nichts.

Objektiv betrachtet ist Rakim somit ein gelungenes Release geglückt, das selbstverständlich nicht annähernd so hohe Wellen schlagen wird wie Ende der Achtziger, aber dem Hörer ein paar gern gehörte Momente beschert, inklusive eines Samples von No Doubts „Don’t Speak“. Runde Sache.
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Mittwoch, 16. Dezember 2009

Clipse - Til The Casket Drops




Neues aus Virgina! Und dann auch noch so herrlich unverkrampft betitelt. Das können nur die beiden Clipse-Brüder sein, die bereits seit 2002 dank ihrer Hits „Grindin‘“ und „When The Last Time“ zu den namhafteren Namen im Spiel zählen und 2006 mit „Hell Hath No Fury“ ein Album hervorbrachten, das für nicht wenige zu der erlesenen Auswahl an Neuzeit-Klassikern gehört. Warum also nicht einfach aufhören mit der Musik, den Rückzug verkünden, wie es mehr und mehr zum Trend wird und sich auf seinen Lorbeeren ausruhen? Pusha T und Malice haben sich jedoch glücklicherweise dafür entschieden, weiter Material herauszubringen. Siehe da, schon wären wir bei „Til The Casket Drops“, dem dreizehn Stücke umfassenden neuen Album.

Wie kaum anders zu erwarten, trugen wieder die Neptunes ihren Teil zum Ganzen bei und schneiderten gleich acht Instrumentale und damit mehr als die Hälfte der Show. Den Rest besorgte DJ Khalil und das Duo Sean C & LV, welches dann auch gleich den Eröffnungstanz in Form von „Freedom“ ausschmücken durfte. Das wiederum haut zwar niemanden total aus den Socken, aber der dezente Einsatz der Gitarre und das ruhige und besonnene Warmmachen der Thronton-Brüder lassen dennoch Gutes erhoffen. Kaum vorbei, ertönt das bereits im Vorfeld viel gefeierte „Popular Demand (Popeyes)“. Die Neptunes in klasse Form und überaus positive Gastbeiträge von Pharrell und Cam’Ron machen das Teil somit zu einem der Highlights der Platte.

Auch beim Rest der Gastbeiträge bewies man ein glückliches Händchen. Neben altbekannten Namen wie Ab Liva oder bereits erwähnten Pharrell sollte vor allem Yo Gotti erwähnt werden, der direkt aus Memphis Schützenhilfe leistet. So sind gerade „Showing Out“ mit eben Gotti oder das Ab Liva-Feature auf „Never Will It Stop“ die Sequenzen, in denen das Album richtig Spaß macht und hart am Sarg gerüttelt wird.

Unglücklicherweise finden sich aber auch auf „Til The Casket Drops“ Stücke, die das Album vom durchweg klargehenden Überalbum auf gehobenes Mittelmaß degradieren. „I’m Good“ mit Skateboard P beispielsweise oder die sich am Ende der Spielzeit befindlichen „Footsteps“ und „Life Change“. Ein Hörsturz droht zwar zu keiner Zeit, aber zu mehr als einem gut gemeinten naja reicht es aber nicht. Gerade im hinteren Teil des Albums hat man das Gefühl, also nehme der Einfluss aktueller Einflüsse zu. Kein Verbrechen, aber auch Nichts, wofür man spontan beide Daumen in die Lüfte reißen müsste.

So in etwa fällt dann auch das Gesamturteil aus. Für das Album sprechen die Akteure selbst, die mit ihren unverkennbaren Stimmen und gesegnet mit reichlich Talent immer noch zum Unterhaltsamsten gehören, was sich auf dem Musikmarkt derzeit finden lässt. Sowie einige saubere Geschosse, die klar gehen. Während ein paar durchschnittlich inszenierte Beiträge gegen eine Bestnote sprechen. Trotz allem immer noch locker über dem Durchschnitt anzusiedeln.
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Dienstag, 15. Dezember 2009

Too Strong - Rap Music Is Life Music (The Remix Album)




Kein Vierteljahr ist es her, da meldete sich Pure Doze und Atom One mit „Rap Music Is Life Music“ mehr als eindrucksvoll auf der musikalischen Bildfläche zurück. Und als sei dies noch nicht genug, folgt nun pünktlich zum herannahenden Weihnachtsgeschäft ein Remix-Album, das Neubearbeitungen der Tracks von „RMILM“ bereithält, für die unter anderem Brisk Fingaz, Brenna, die Stieber Twins und Doze selbst hinter die Regler gingen.

Fragt sich natürlich gleich, wie viel Sinn derartige Alben machen, da außer hartgesottenen Fans meist kaum mehr Käufer an Land gezogen werden können, da diese sich ggf. bereits mit dem Original zufrieden gegeben haben. Zumal lediglich 10 Remixe auch nicht unbedingt die Welt darstellen in Zeiten, in denen das Absetzen von CDs bekanntlich ohnehin schon schwer genug fällt. Auf der anderen Seite haben es Größen wie Nas vorgemacht, warum also nicht?

Verlockend ist auf jeden Fall der Brisk Fingaz-Remix zu „Bring The Beat Back“, der zwar etwas weniger Druck macht als das Original, aber mit weitaus böser und synthetisch wirkender Beatunterlage für Abwechslung sorgt. Das gilt auch für Brennas Version von „Too Strong“. Ursprünglich ein stark von der E-Gitarre geprägtes Stück, geht das Ganze nun wesentlich glatter ins Ohr, wenngleich man im Hintergrund immer noch den Ton von Gitarren vernehmen kann. Der D&D-Remix zu „Musik“ gibt sich ordentlich entspannt und legt im Vergleich zum Original noch einmal eine Schippe hinzu und P&S sei Dank ist das Extrabreit-Cover „Polizisten“ nun auch für weniger offenherzige Rap-Freunde hörbar.

Weniger zwingend hingegen „Friends“, das Brenna zwar moderner klingen lässt, dadurch aber kaum etwas zulegen kann. Auch „Katakomben“ will im hektischen Remix von Doze nicht so ganz klar Schiff machen, dringt zumindest aber in die höchsten bpm-Regionen des Albums vor. Da bleibt man dann doch lieber beim Ursprung, was auch im Falle von „Rap Music Is Life Music“ zutrifft, welches ohne den Zusatz ‚Remix‘ hörbar mehr Freude bereitet als hier. Zum Ende hin setzt man folglich alle Hoffnungen auf die Stieber Brüder, die jedoch mit Ihrer drucklosen Neubearbeitung von „Bring The Beat Back“ enttäuschen und Brisk Fingaz bzw. P&S (verantwortlich für das Urbild des Tracks“ den Vortritt lassen.

Eine recht unspektakuläre Angelegenheit also, die für jeden gelungenen Remix einen weniger überzeugenden Gegenpart bereithält – oder andersherum. Den Fans zumindest wird’s egal sein und als Rezensent zieht man bei jeder sich gebenden Gelegenheit respektvoll den Hut vor zwei langlebigen Gestalten, die 2009 wieder präsent sind wie eh und je.

Samstag, 12. Dezember 2009

Herr Von Grau - Heldenplätze




In der deutschsprachigen Rap-Szene gibt es viel zu entdecken. Von großen Namen, die selbst die Charts regelmäßig mitbestimmten über stets zu unrecht vernachlässigte Künstler bis hin zu ambitionierten, noch unbekannten Namen. Und dann gibt es noch Charaktere wie Herr von Grau, die mit ihrem eigenen Sound und viel Liebe zu dem was sie tun scheinbar aus dem Nichts kommen und auf Anhieb Fuß fassen, so dass jeder der was auf sich hält auch darüber Bescheid weiß. Ehe man sich versieht, findet man sich auch schon auf „Deutschlands Vergessene Kinder 2“ wieder und grüßt Curse zu seiner Rechten und Die Firma zu seiner Linken. Wesentlichen Anteil bei dieser Erfolgsgeschichte hatte mit Sicherheit das Album „Heldenplätze“, das quasi den Startschuss einleitete und Herr von Grau ins Bewusstsein der Deutschrap-Freunde katapultierte. Warum also nicht mal einen Blick nach hinten wagen und sich dem 17 Anspielpunkte umfassenden Album des Herrn widmen?

Als Vertreter der non-digitalen Zunft erfreut es mich bereits vorm Hören, dass das Album in schön gestalteter Papp-Schieber-Verpackung daher kommt und man alleine mit dem Betrachten des Covers so manch vorbeiziehende Minute füllen kann. Der Gastgeber empfängt einen während dessen schon einmal mit seiner unverwechselbaren Stimme und stimmt ein auf das abwechslungsreiche Programm von „Heldenplätze“. Schon zu Beginn gibt es anspruchsvoll vorgetragene Textpassagen zu hören, die mich vom Schema her immer ein wenig an „MFG“ der vier Fantastischen erinnern und dem Schreiber sicherlich nicht einfach so aus dem Ärmel fallen. Da gehört schon etwas dazu, zumal mit später folgendem „Nicht Jeder“ gleich noch eine lyrische Glanzleistung ähnlichen Ausmaßes folgt.

Daneben glänzt das Album dank seiner durchweg am Boden der Tatsachen angesiedelten Themen, die für jeden nachvollziehbar erscheinen. Ausgeschmückte Drogen-/Gangstertum-Geschichten sucht man hier vergebens. Stattdessen gibt es beschwingte Stücke über erhoffte Turtelleien mit „Nebenan“, anhimmelnde Poesie in Form von „Zu schade für Sprache“ und „Töchter“, der inoffizielle Soundtrack für alle, die nach Trennung vom Partner noch in der Herzschmerzphase stecken, so langsam aber sicher gerne wieder ausbrechen würden.

Ein Prunkstück in Sachen Geschichtenerzählen bekommt man mit dem Titeltrack geliefert, bei dem das Folgen des Inhaltes weder anstrengt noch langweilt, vielmehr erlaubt es dem Gedankenkino eine weitere gelungene Vorstellung. Nicht weniger gelungen auch „SMS“, das thematisiert, was wohl schon jeder erlebt hat – spät am Abend tippt man Hals über Kopf und geblendet von einem teuflischen Gefühlscocktail eine Nachricht ins Handy, die man möglicherweise schon wenige Stunden später, konkret am morgen danach bitter bereut. Wem das alles noch immer nicht reicht, er darf Herr von Grau als Freund der Meinungsfreiheit kennenlernen („Klebeband“), als vorsichtig agierender Kritiker der Oberschicht („Eingefrorn“) und körperbewussten „Tänzer“. Unfreiwillig aktuell gibt sich zum Schluss hin dann auch „Drinnen“, welches dank der allseits grassierenden Schweinegrippe noch besonders zu empfehlen wäre.

Kurzum also eine herausragende Eigenproduktion, die durch selbst erschaffendes Soundbild und tolle Texte überzeugt, ohne dabei verkrampft und gezwungen in Richtung Anderssein zielt. Der Käufer des Albums ist damit ein Stück gehaltvollen Raps reicher und Deutschrap darf sich glücklich schätzen immer noch so erfreuliche Eigenbrötler beherbergen zu dürfen.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Donato - Angst




Rapper gib es in Deutschland wie Sand am Meer. Die Anzahl an wirklich herausragenden Veröffentlichungen begrenzt sich dennoch auf ein paar wenige Duzend. Das heißt im Umkehrschluss, dass zu viele Rapper zu wenig Hochglanzmaterial produzieren. Jemanden, dem man dies sicher nicht vorwerfen möchte ist Donato. Bereits sein Erstlingswerk „Damals Wie Heute“ überzeugte auf Anhieb und findet sich auf einschlägig bekannten Online-Musikanbietern zu horrenden Preisen, die mitunter im dreistelligen Bereich liegen. Nach gut vier Jahren bekommt es Donato nun mit der „Angst“ zutun, so der Name seines zweiten Langspielers, der vor kurzem über das renommierte und viel gelobte Münchner Label Kopfhörer Recordings veröffentlicht wurde.

Nun ist die Angst, wie sicher jeder selbst am Besten wissen dürfte, ein sehr mächtiges Gefühl, das vom am Existenzminimum lebenden Arbeitslosen über den mittelständischen Unternehmer bis hin zum großen Konzernmanager jeder kennt. Ein facettenreiches, anspruchsvolles Thema, das sich der Dortmunder für sein zweites Album ausgedacht hat und dafür den ein oder anderen guten Vertrauen um Hilfe bat. Etwa Morlockk Dilemma, Inferno79 und Absztrakkt, die als Gastrapper gewonnen werden konnten oder Screwaholic, Brisk Fingaz und die Beatgees, die sich unter anderem für die musikalische Umsetzung der fünfzehn Stücke verantwortlich zeichnen.

Im Vergleich zu einem Großteil Rap-Deutschlands geht Donato gewohnt bodenständig zu Werke und schildert im Detail die nicht immer einfach zu verstehende und noch schwerer in Worten zu fassende Welt der Emotionen. Herausgekommen ist so beispielsweise „Könnt Ihr Mich Hören?“, das sich an die einstigen Vorbilder richtet, denen Donato damals nacheifern wollte, heute jedoch voller Überzeugung klar stellt, dass er sich um keinen Preis verstellen möchte. Ein gelungener Auftakt, der in „Lebe Deinen Traum“ seine Fortsetzung findet. Screwaholic zaubert einen atmosphärischen Beat aus dem Ärmel und gemeinsam mit Inferno79 wird sich an die Kids gewandt. Diese finden in den Zeilen sowohl Hoffnung als auch klare Worte wie ‚also nähr‘ deine Träume mit Schweiß und Wasser wie ein Baum / denn es ist nicht zu spät, du musst dich nur trauen‘.

Weitaus pessimistischer gehen Tracks wie „An Mir Vorbei“ oder „Du Fehlst“ ins Ohr. Ersteres ist eine leicht deprimierende Sicht auf die Schnelllebigkeit des Lebens, das einfach nicht langsamer zu werden scheint. Zweitgenanntes ist ein ehrliches, persönliches Stück Musik, das dank Donatos tragender Stimme weit mehr transportiert als der handelsübliche Herzschmerz-Track. Schön auch „Über Der Stadt“, bei dem es Zaehre sehr gut gelungen ist das Gefühl von Schwerelosigkeit in musikalische Gefilde zu transferieren, während der Texter der Freiheit frönt.

Zu guter Letzt sollte dann noch auf „Elemente“ eingegangen werden, eine von Donato, Morlockk Dilemma, Inferno79 und Absztrakkt bestrittene Kollabo, bei der die einzelnen Charaktere stellvertretend für eines der vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft stehen. Dank geradeausgehender Raps, die verbal eine Schippe zulegen und der netten Idee eine gelungene Abwechslung zur inhaltlichen Tiefe der übrigen Stücke.

Ein rundes Album, das viel Wert auf Qualität legt und Inhalt vermitteln möchte, bei dem man gespannt zuhört und im Booklet mitliest. Auf Dauer vielleicht etwas ermüdend und nicht frei von Aussetzern (an Soundbwoy Boogies Beitrag auf „Zepter“ muss man bspw. nicht zwingend Gefallen finden), als Gesamtwerk betrachtet aber äußerst stark und eine Empfehlung wert für alle, die noch nicht wissen, was sie (sich) unter den Weihnachtsbaum legen sollen.
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Review ebenfalls erschienen auf HipHopHolic.de